Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 615
alten Titel wieder hineingesetzt hätte? Dieses Resultat ließ sich aber voraussehen, undder Streit war insofern unnütz. Gefährlich wurde er aber durch die Discussion, dadie Person des Königs hineingezogen werden mußte, und manche Äußerungen sielen,welche die Gefühle der Krone verletzen mußten. Die äußerste Linke, die ihre Machtüberschätzte, sah indessen einem Bruch mit der Krone unbesorgt entgegen, und dieCentren, die hier gemeinsam mit ihr stimmten, glaubten im Ernste, der König werdesich gern darin fügen, den Titel zu verlieren. Nur so kann es erklärt werden, daßdie Versammlung mit 217 gegen 134 Stimmen beschloß, die Worte „von GottesGnaden" fortfallen zu lassen. Ein zweiter Antrag Schneidens, statt „König vonPreußen" „König der Preußen" zu setzen, wurde hingegen verworfen.
Man kann sich leicht denken, welchen Eindruck dieser Beschluß in Potsdam ma-chen mußte, und wie die Feinde der Versammlung dadurch an Einfluß gewannen.Dazu kam, daß man verbreitete, die Versammlung berathe nicht mehr frei, sondernunter dem Terrorismus des Pöbels. Diese Behauptung hatte äußerlich etwas Wah-res an sich. In der That, seit die Sitzungen im Schauspielhause abgehalten wur-den, umstanden Volkshaufen während der Dauer der Sitzungen das Haus und üb-ten nach der Weise roher Massen ihre Kritik über die herauskommenden Abgeordneten.Die Mitglieder der rechten Seite waren beständig Zielscheibe des Hohns oder auchvon Drohungen. Es waren dies aber durchweg Leute aus der Hefe des Volks,vielleicht einige Hundert, die mit Anwendung geringer Polizeikräfte leicht zerstreutworden wären. Besondere Aufregung hatte sich zuletzt am 13. Oct. erwiesen, wodie Schlußabstimmung über das Bürgerwehrgesetz stattfand. Das Gesetz, Resultateines erbitterten Parteikampfes, trug die entgegengesetztesten Principien in sich, undhatte allerdings die entschiedenste Mißbilligung im ganzen Lände hervorgerufen. InBerlin gaben die mißvergnügten Volkshausen ihre Unzufriedenheit dadurch zu erken-nen, daß sie die Abgeordneten der rechten Seite beim Heraustreten mit Schimpfredenempfingen. So wurden diese Abgeordneten allmälig der entschiedenen Reaction zu-geführt.
Wie der Hof zur Nationalversammlung und zur Hauptstadt stand, zeigte sichbald in sehr deutlicher Weise. Während der ganzen Zeit ihres Beisammenseins wardie Versammlung nur ein mal mit dem König in nähere Beziehung getreten. DerMinisterpräsident von Auerswald, der eine Annäherung wünschte, hatte nämlich EndeJuli veranlaßt, daß die Versammlung nach Potsdam zu einer Spazierfahrt in dieköniglichen Gärten eingeladen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurden die einzelnenMitglieder dem Könige vorgestellt. Der Empfang blieb jedoch ziemlich kalt, und dieVeranstaltungen seitens der Hofbeamten trugen unverkennbar den Stempel der Nicht-achtung Hegen die Versammlung. Jetzt bot der Geburtstag des Königs, der aufden 15. Oct. fällt, neue Gelegenheit, die Versammlung mit dem König in Berüh-rung zu bringen.. Die Versammlung beschloß eine Deputation, bestehend aus demPräsidium und 25 Abgeordneten,,, zu ernennen, um dem Könige die Glückwünsche derVersammlung zu überbringen. Ähnliches war von den städtischen Behörden undvon der Bürgerwehr beschlossen. Der König empfing am 15. Oct. sämmtliche De-putationen im Schlosse Bellevue bei Berlin. Die Anrede des Präsidenten Grabowbewegte sich in allgemeinen Ausdrücken der Ehrerbietung; am Schlüsse drückte derPräsident die Versicherung aus, daß die neuen Institutionen die Bande zwischenDynastie und Volk noch fester knüpfen würden. Der König bemerkt^ in seiner Ant-wort, indem er aus die Zustände in Frankreich hindeutete: „Vergessen Sie nicht,meine Herren, daß wir etwas vor Andern voraushaben: eine Macht, die man dortnicht mehr zu kennen scheint, eine angestammte Obrigkeit von Gottes Gnaden."Die letztem Worte betonte der König besonders stark und gab so sein Urtheil überden neulich gefaßten Beschluß zu erkennen. Dem Commandeur der Bürgerwehrsagte der König: „Vergessen Sie nicht, daß Sie die Waffen von mir haben"; unddie Deputation des Magistrats federte er auf, aus Worten endlich Thaten zu ma-chen. Dies Alles konnte als Zeichen der herrschenden Stimmung dienen.