. Pkeußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 619
Zn demselben Augenblick zeigten die Schriftführer an, daß sie sich beim Addireu/ geirrt hätten. Danach war das Amendemmt mit 173 gegen 172 Stimmen ver-worfen. Der Präsident erklärte indessen in Bezug auf den einen Abgeordneten, daßfein erstes Votum gelten müsse, und so war denn das Amendement definitiv mit173 gegen 172 Stimmen angenommen.
Diese Sitzung hatte so außerordentliche Leidenschaftlichkeit ausgewiesen, daß inder folgenden Sitzung (24. Oct.) ein Abgeordneter das Wort nahm und zur Einig-keit ermähnte. Der Präsident Grabow fügte hinzu: er schließe sich diesem Wunschean, und nie wieder möchten ähnliche Gegenseitigkeiten gehört werden. Dieser Wunschging so wenig in Erfüllung, daß vielmehr der sonst ruhige und streng gerechte Gra-bow selbst dabei unterlag. Schon in der letzten Zeit hatte auch er sich nicht ganzvon dem Fehler der Leidenschaft freihalten können: es mochte in dieser Umgebungunmöglich sein. Man konnte nicht verkennen, daß er in seinen Entscheidungen sichmehr seiner Partei zuneigte. In der Sitzung vom 26. Oct. kam es zu neuen Aus-tritten; es sollte, dem Reglement gemäß, über den fertigberathenen ersten Artikel derVerfassung abgestimmt werden. Die Versammlung verlangte namentliche Abstim-mung. Der Namensaufruf war vollendet und das Bureau beim Zählen beschäftigt,als der Präsident Grabow die Versammlung über zwei zweifelhafte Fälle befragte.Ein Abgeordneter hatte nämlich beim Namensaufruf erklärt, er enthalte sich der Ab-stimmung, und am Schluß verlangte er mitzustimmen. Ein anderer neugewählterAbgeordneter betrat während der Abstimmung zum ersten mal die Versammlung undverlangte mitzustimmen. Der Verdacht, daß die Rechte hier eingewirkt, drängte sichder Linken auf, umsomehr als schon das vorige mal der Fall vorgekommen, daß einMitglied auf Veranlassung eines Mitglieds der Rechten seine Stimme ändern ge-wollt. Der Erstere dieser beiden Abgeordneten gehörte zu Denen, welche gegen> Phillips' Zusatzantrag gestimmt; er hatte jedoch gegen den übrigen Inhalt des
, Art. 1 nichts einzuwenden, und war deswegen anfänglich entschlossen gewesen, gar
nicht mitzustimmen. Den zweiten unbekannten Abgeordneten hatte man mit demAbgeordneten Reichensperger von der Rechten eintreten sehen. Ein kleinliches Ma-rioeuvriren der Rechten lag hier wol zutage; auch verlangte sie mit großer Hart-näckigkeit, daß die Beiden zur Abstimmung zugelassen werden sollten. Hiergegen, erhob die Linke den heftigsten Widerspruch, und die Versammlung gewährte eineZeitlang das ärgerlichste Schauspiel, welches man sich denken kann. Ein Pole, GrafCzieskowski, beschwor die Versammlung im Namen beider Völker, ein so unwürdigesSchauspiel nicht länger zu geben. Berg, der seinen Zorn über das Verfahren der. Rechten nicht länger zurückhalten konnte, rief: „Lassen Sie uns keine Zeit verlieren,
s indem wir über die Geschäftsordnung streiten. Ich weiß, der Beschluß, den wir
heute fassen, wird ein hochwichtiger sein. Wird das Resultat herbeigeführt durchunwürdige Mittel, so wird das Land darüber richten. Ich bitte meine Freunde, keinWort darüber zu verlieren." Obwol die Anspielung nicht zu verkennen, war dochin diesen Worten positiv keine Beleidigung ausgesprochen. Die Rechte verlangte den, Ordnungsruf, und Grabow, der vielleicht die Worte nicht ganz genau gehört habenmochte, rief Berg zur Ordnung. Letzterer hingegen rief die Entscheidung der Ver-sammlung an, die sich auf Befragen mit 172 gegen 170 Stimmen gegen den Ord-nungsruf aussprach. Offenbar war es schon lange Grabow's Absicht, von demPräsidium, das täglich schwieriger zu handhaben wurde, abzutreten. Diese Entschei-dung, welche er mit den Worten begleitete: „Ich habe sonach einen Ordnungsruferlassen, der nicht reglementmäßig war", benutzte er, um einem der Vicepräsidentendas Präsidium zu übergeben. Von der Tribune herab erklärte er sodann, daß erin jener Entscheidung ein Mistrauen gegen seine Person sehe und in Folge Dessensein Amt niederlege. Vergebens protestirte Berg dagegen, daß er die Gerechtigkeitdes Präsidenten nicht bezweifelt habe, sondern nur das Misverständniß habe aufklärenwollen. Noch an demselben Tage nahm Grabow aus vier Wochen Urlaub und ver-ließ Berlin.