Band 
Vierter Band.
Seite
639
JPEG-Download
 

Karl GüHlass. 639

der Mann! Die evangelischen Sendboten dagegen kommen mit Eifer für ihrenGlauben und Schulgelehrsamkeit ausgerüstet; ste predigen Gottes Wort und dieGeheimnisse der Religion; sie übertragen die Schrift in alle Zungen und verbreitensie nach allen Richtungen. Sie überlassen nun dem göttlichen Gärtner die Sorge,diesem ausgestreuten Samen zu einem glücklichen Wachsthum zu verhelfen. DieBibelübersetzungen sind gleichsam die Träger des ganzen evangelischen Missionswesens.

Dem chinesischen Volke ist nie ein Gott erschienen; von einer Offenbarung, vonPropheten und übernatürlichem Wissen ist bei ihm keine Spur. Das Wort: Gott,Seele, Geist, als etwas von der Materie Unabhängiges und ste willkürlich Beherr-schendes, kennt die chinesische Sprache gar nicht. Juden, Christen und Moslim sindgezwungen, für ihren Gott eine Zusammensetzung zu bilden: Tientschu, Herr de§Himmels, weil Tien allein blos den materiellen Himmel, oder den wie jedes andereWesen mit seiner Urkraft begabten Raum bedeuten würde. Ein einziges Band um-schlingt nach den Ansichten der chinesischen Weisen alles Seiende, das Reich der Na-tur und das Reich des Geistes; der Bruch, die Störung der angemessenen Thätig-keit eines Glieds bringt Unordnung in die ganze Kette der Wesen. Wunder werdenvon den Chinesen als Unglück verkündende Begebenheiten betrachtet. Die geistigenund moralischen Kräfte gebieten aber auch den physischen; wer Tugend und Sittebeleidigt, stört die glückliche Ordnung der Dinge; er bringt Unheil über die Gesell-schaft und ist ihr deshalb verantwortlich. So innig ist dieser Jdeengang mit derSprache selbst verwachsen, daß es unmöglich erscheint, die ersten Verse der Genesis(des ersten Buchs Moses) in vollständig entsprechender Weise ins Chinesische zu über-setzen. Man kann nun, abgesehen von den Sprachkenntnissen, die andern zahllosenSchwierigkeiten ermessen, welche eine Übersetzung der Bibel ins Chinesische darbietet!

Die Unterredungen des Heilands mit den Jüngern, nach der Weise Eützlaffs,erinnern an die gedrängte und zugleich malerische Schreibart in den Denkwürdig-keiten des chinesischen Sokrates. Das Evangelium Johannis und mehre Stellen derBriese Pauli rufen dem Kundigen, und zwar nicht blos in der Darstellung, die er-greifenden, tiefsinnigen Sätze des berühmten Buchs des Laotse über Weisheit undTugend ins Gedächtniß zurück. Der griechische Logos, ebenso vieldeutig wie das chi-nesische Tao, hätte mit keinem treffendern, bezeichnender» Worte wiedergegeben wer-den können. Diese Bibelübersetzung dient auch zur Förderung einer gründlichen Kennt-niß der Sprache und Literatur des Mittelreichs in den westlichen Ländern; sie istohne Zweifel die beste Schule, um in den Geist und die Eigenthümlichkeiten der chi-nesischen Schreibweise einzudringen und ihr Verhältniß zu den abendländischen Idio-men recht anschaulich zu machen. Gützlaffs Werk verhält sich zu den frühern Ver-suchen wie jene Meisterarbeit, du Übersetzung Shakspeare's durch August WilhelmSchlegel, zu den ersten deutschen Übertragungen des unsterblichen britischen Dichters.

Hat sich der junge chinesische Proselyt mit dem Evangelium vertraut gemacht,so wird ihm die allgemeine Weltgeschichte, vom christlich-theologischen Standpunkt ausabgefaßt, in die Hände gegeben, welche Gützlaff unter dem Titel: „Allgemeiner Über-blick aller Reiche der alten und neuen Zeit", in der chinesischen Druckerei zu Sin-kapur erscheinen ließ. Diese Weltgeschichte ist von bedeutendem Umfange; sie wurdemit großer Pracht ausgestattet und mit einer vortrefflich ausgeführten Erdkarte ver-sehen. An die Weltgeschichte reiht sich die „Allgemeine Länder- und Völkerkunde",gedruckt zu Ningpo im Jahre 1843. Man ersieht hieraus, welche Ansichten Gütz-laff über die Natur- und Völkerverhältnisse des östlichen Asien während seines viel-jährigen Aufenthalts in diesen fernen Gegenden der Erde gewonnen hat; wie hocher die Bevölkerung des Mittelrcichs schätzt, das Heer und die Marine; dann welcheAbgaben die Regierung erhebt, wie sie über das Land vertheilt sind und erhobenwerden. Der kundige Bewohner des Westens würde aber dieses Buch, gleichwiedas „Geöffnete China" desselben Verfassers („6Kwa opsnsck bzc Ld. SütrlsS'",2 Bde., London 1838) mit einem gewissen Mismuth aus der Hand legen, wenner sehr viele neue Thatsachen und namentlich neue amtliche statistische. Berichte er-