Band 
Fünfter Band.
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169
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Die deutsche Nationalversammlung. 169

Feldherrnstab Napoleons fiel; und lebhaft stand vor ihren Augen das Schicksal derGirondisten, denen, weil sie für den Thron nicht rechtzeitig den Muth der Thatgehabt, bald nur noch der Muth des Sterbens blieb. Die Erfahrungen der Ge-schichte, bisher so selten benutzt, sollten ihnen nicht verloren gehen; die Vergangenheitsollte ihnen die Wege zeigen, die man gehen muß, um einer Revolution Herr zubleiben, und sie aus rechte Ziel zu leiten.

Und in der That schien es anfangs zu gelingen. Die deutschen Girondistenließen sich nicht weiter fortreißen, als bis „an die Stufen der Throne"; sie bliebender Bewegung Meister; das alte Recht und der öffentliche Frieden wurden bewahrt.Allein Eines stand nicht in den Büchern, Eines war nicht aus den Geschichten derandern Völker Europas zu lernen: daß, um die Einheit eines seit Jahrhunderten zer-rissenen Volks herzustellen, es anderer Mittel bedarf als derjenigen, mit welchen mandie Freiheit gewinnt. Wenn in Frankreich, am Tage nach einer sieghaften Revolu-tion, das Volk seine Waffen in die Scheide steckt, so kann es immerhin einem Par-lamente die Ausbildung der neugeschaffenen Staatsformen überlassen; denn die fran-iosischen Revolutionen beginnen ihre Wirksamkeit am Kopf des Staats, und wasdie Eine Volksbehörde gebietet, dem fügt sich rasch das Eine Volk. In Deutschlandgab es 40 Staaten zusammenzuschmelzen, deren sprödes Metall sich nur bei allge-waltiger Glut erweicht und in gemeinsame Form ergossen hatte. Um DeutschlandSur Einheit zu bringen, und aus diesen vielen Fürstendomainen ein Reich zu schaf-«sn, wäre eine ungehemmt zur hitzigen Reife entwickelte Revolution vielleicht das ein-ige Mittel gewesen: sei es eine Revolution „von oben, durch einen königlichen Ero-berer, oder eine von unten, eine furchtbare Überschwemmung, die den Boden geebnethatte, damit die Zukunft auf ihm bauen könnte. Diese Erkenntniß schien den Man-lurn zu fehlen, welchen das Volk Alles in die Hände gegeben. Sie wollten die

l-mheit, und stumpften doch die Schneide der einzigen Waffe ab, mit der sie sich

Man beabsichtigte, ansehnliche Fürsten, deren frühe Ahnen schon des^wstregierenS gewohnt waren, der Gewalt des Einen Oberherrscherö unterzuordnen,und hatte ihnen doch alle Mittel der Widersetzlichkeit gelassen, nicht bedenkend, daß,wie die Begeisterung deS Volks, so auch die nachgiebige Angst der Höfe nicht vonlanger Dauer sein werde. Man wollte, daß die deutschen Fürsten einem Parlamente^horchten, dessen Macht und Recht auf der Kraft der Revolution beruhte; undtrotzdem war man bemüht, die Revolution noch vor erreichtem Siege abzuschwächen,fahrend man ihr alles Furchtbare nahm, sollte noch immer die Furcht vor ihr die

Vollendung des Werks erzwingen helfen; denn jene deutsche Eironde hielt sich für

einen Äolus, der nach Belieben die Stürme, soviel erfoderlich, aus- und einzulassenvermochte. Solche Selbtauschung, solche Verkennung des Zeitpunkts und der Mög-lichkeiten hat sich selten so schwer gerächt als an der deutschen Nationalversammlung,die zu Frankfurt am Main ihren Sitz nahm.

Groß waren die Hoffnungen, die sich an das deutsche Parlament knüpften;und so weithin die Erwartungen auch reichten, so schien doch das Vertrauen derNation zu ihm so fest gegründet, daß es ihm Kraft zu jeglichem Werke geben mußte.6rci ich hatte das Parlament so Vieles und so Schweres zu vollführen, daß es un-mog ich war, hinter einer solchen Ausgabe nicht zurückzubleiben. Allein ein Zweifeler Art wurde damals von keiner Seite vernommen. Im Grunde hatten wol die-.demgsten noch daran gedacht, ihren Planen für das Vaterland eine Gestaltung inkltunmlen Umrissen zu geben. Die Revolution hatte sie Alle überrascht, ehe ihreleb ^ reifgeworden. Weder war im Volke ein ausschließlich leitender Gedankealla noch hatten die Führer ein greifbares Ziel ins Auge gefaßt. Nur einegemeine Idee besaß man von dem Beruf des Parlaments; und so konnte man^ ern Muths an den ersten Aufzug eines Schauspiels gehen, dessen verwickelte.öu lösen man Zeit genug zu haben glaubte. So wenig ahnte man die^"ngkeiten und Hemmnisse des Werks, daß die meisten Abgeordneten nur aufttn Aufenthalt von drei bis vier Monaten in Frankfurt zählten. War man im