Band 
Fünfter Band.
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170 Die deutsche Nationalversammlung.

Vorparlament mit der Begründung einer Nationalversammlung in Einem Tage fertiggeworden: warum nicht mit einer Verfassung in vier Wochen? Das Parlamentbrauchte ja nur zu beschließen; was die Nation wollte, das wurde von selbst zurThat. Die Zeit war günstig: Europa mit sich selbst beschäftig^, Frankreich innerlichgelähmt, Rußland zur theilnahmlosen Zuschauerrolle gedrängt, Ostreich in den Zuckun-gen der Auflösung ringend, Preußen das Gebot der Nation zu empfangen genöthigt.Das Parlament war die einzige Macht in Deutschland, die unangetastet dastand,der Schiedsrichter, auf den sich die federnden Völker wie die abwartenden Fürstenberiefen. Zum ersten mal seit Jahrhunderten konnte Deutschland, unbekümmert umdie Politik des Auslandes, selbständig und frei handeln, und ungehindert an einenationale Umgestaltung gehen. Dazu hatte es in freier, allgemeiner Wahl, wie sienoch nie dagewesen, die Besten und Tüchtigsten nach Frankfurt gesendet. Waskonnte Anderes bei solchem Zwecke, unter solchen Verhältnissen, aus dem Wickensolcher Männer erwachsen, als Heil und Ruhm und Ehre für das Vaterland!

Der Tag, aus den man die Ungeduld der Völker verwiesen, durch dessen Naheman die revolutionären Stürme beschwichtigt hatte, an dem jedes ungestümste Be-gehren seine Erfüllung finden, und welcher jede Selbsthülse des Volks fürderhin über-flüssig machen sollte — der Tag der Eröffnung des deutschen Parlaments war vonden Völkern nicht sehnlicher herangewünscht worden als von den Regierungen; dennBeide sollte er aus unerträglicher Lage befreien. Schon in der ersten Hälfte des Mai1848 waren zahlreiche Abgeordnete in Frankfurt eingetroffen, und hatten unter demVorsitze Schott's aus Stuttgart, als des ältesten Mitglieds des FunfzigerausschusscS,ihre Besprechungen gehalten. Eine allgemeine Vorberathung fand am Nachmittagedes 17. Mai im Kaisersaale des Römers (Rathhauses) statt: hier wurde die Eröff-nung auf den folgenden Tag bestimmt. Am 18. Mai, Mittags 3 Uhr, traten ge-gen 330 Abgeordnete in demselben Saale zusammen. Unter der Leitung von Schottnahm man zunächst die Ernennung eines Alterspräsidenten vor. Das älteste Mit-glied war der 73jährige Behr, der politische Märtyrer aus Baiern; aber da er, ge-schwächt durch die Leiden der Gefangenschaft, die Ehre des Vorsitzes ablehnte, soernannte man I)e. Lang aus Verben, der sich in den hannöverschen Verfassungs-kämpfen Verdienst und Ehre erworben, zum Präsidenten, und zu dessen Stellvertre-ter den ehemaligen sächsischen Staatsminister von Lindenau. Beide standen im 70.Lebensjahre. Die jüngsten acht Mitglieder wurden Schriftführer; ihre Namen wa-ren: von Stremayr aus Graz, Ostendorf aus Soest, Dewes aus Losheim in Rhein-preußen, Haym aus Halle, Riehl aus Zwettl in Niederöstreich, Dietsch aus Anna-berg, Schmidt aus Löwenberg, Pattai aus Graz. Nun verließen die Abgeordnetenden Kaisersaal, um in feierlichem Zuge, entblößten Hauptes, über den Römerbergund die „Neuekräme" nach dem nördlichen Hauptthore der Paulskirche zu ziehen.Das Vorparlament hatte den kürzern Weg über den Paulsplatz nach der südlichenThurmthüre vorgezogen; während letzteres den raschern Gang einschlug, hatte daöParlament freilich an Zeit und Würde mehr aufzuwenden. Leute, die auf Ahnun-gen halten, bemerkten damals nicht ohne MiSstimmung die kleinen Gegensatze zwischenJetzt und Früher, die man absichtlich und eifersüchtig festzuhalten schien.

Nachdem die Versammlung unter dreimaligem Lebehoch sich für constitüirt er-klärt hatte, ließ der Vorsitzende einen Glückwunsch des Bundestags verlesen, einefeierlich begrüßende Zuschrift, die wol in der Meinung des Herrn von Schmerling,des Bundespra'sidialgesandten, die Stelle einer Thronrede zu vertreten geeignet war-Sollte man auf diese Höflichkeit wieder mit einer Höflichkeit antworten? Zitz vonMainz dielt dies der Würde des Parlaments für unangemessen. Eine regellose Vcr-Handlung drohte über diesen Gegenstand hereinzubrechen: da besann man sich, daßman ohne Geschäftsordnung gar nichts vornehmen könne. Wcsendonck von Düssel'dorf hatte eine einfache Geschäftsordnung in sechs Paragraphen zur vorläufigen An-nahme drucken und vertheilen lassen; allein sie ward verworfen, und statt dessen amAntrag von Reden's beschlossen, den umfangreichen Entwurf, welchen Robert Moh»/