Band 
Fünfter Band.
Seite
172
JPEG-Download
 

172 Die deutsche Nationalversammlung.

19. Mai eine Frage zur Verhandlung zu bringen, welche, an sich scheinbar nur reinformell, die Ausstellung eines für die Stellung des Parlaments entscheidend wichtigenPrincips herbeiführte. Trotz der Abmahnung des Funfzigerausschusses hatte diepreußische Regierung eine preußische Nationalversammlung gleichzeitig mit dem frank-furter Parlament nach Berlin einberufen. Verschiedene Abgeordnete waren zu beidenVersammlungen gleichzeitig erwählt worden; die preußische Regierung fodecte sie nunauf, sich für die Annahme einer von beiden Sendungen zu entscheiden. Dem ent-gegen verlangte Raveaux, die Versammlung möge beschließen, daß diese Mitgliederdas Recht haben sollten, beide Wahlen anzunehmen. Dieser Antrag, der zunächstnur die Besugniß einzelner Abgeordneten zu berühren schien, dehnte sich alsbald zugroßartigen Verhältnissen aus, sowie es klar wurde, daß er den möglichen Zwiespaltder beiden Parlamente berührte, und die Frage von der Oberherrlichkeit der deutschenNationalversammlung in seinem Schosse trug. Die Wichtigkeit des Gegenstandesführte dessen Vertagung auf Montag den 22. Mai herbei. Die Meinungen mußtensich erst klären, die Parteien sich erst ihrer selbst bewußt werden, ehe eine Princi-piensache zur Entscheidung kommen konnte. Im Deutschen Hofe hatte sich eineLinke unter der Leitung von Blum bereits zusammengefunden; eine Rechte sammeltesich aus widerstrebenden Elementen im Steinernen Haus; die Männer der Ver-mittelung, aus denen bald die Centren sich bilden sollten, begannen ihre Besprechun-gen in der Mainlust. Eine feste Partei, mit bestimmt ausgesprochenen Zwecken,hatte sich jedoch, mit Ausnahme der Linken, noch nicht geformt.

Verhandlung der Frage, ob den Regierungen die Berufung von Particularparlamenten wahrendder Dauer der Nationalversammlung zu gestatten; die ungarischen Gesandten undSympathien; die Mainzer Vorgänge.

In den Vorberathungen der Abgeordneten gewann die von Raveaux angeregteFrage ihre eigentliche Bedeutsamkeit. Raveaux selbst konnte daher am 22. Mai alsdas Wesen seines Antrags die Federung bezeichnen, daß die deutschen Ständever-sammlungen sich nicht mit Verfassungsfragen sollten beschäftigen dürfen, damit nichtzum voraus ein Widerspruch mit der allgemeinen Neichsverfassung begründet werde.Sogleich tauchten nicht weniger als 17 Aba'nderungsantra'ge auf; und diese allzugroße Mannichfaltigkeit der Ansichten war es wol, welche die Versammlung bestimmte,auf den Vorschlag Heckscher'S die Sache zur Vorbehandlung an einen von den Ab-theilungen zu ernennenden Auöschuß zu verweisen. Von der Minderheit, welche so-fortige Berathung verlangt hatte, gaben Viele nach dem Vorgang Eisenstuck's ihreNamen zu Protokoll: „damit das deutsche Volk die Männer kennen lerne, die schnelleHülse, Einheit und Kraft bringen." Andere sprachen sich gegen einen solchen Schrittaus, der einer Verdächtigung gleichkomme. So geriethen zum ersten mal die Per-sönlichkeiten in heftigen Anstoß gegeneinander. Manche aber von Denen, welche hiereine öffentliche Verwahrung solcher Art einlegten („mit der Außenwelt coquettirten ",wie Eisenmann, der selbst mit der Minderheit gestimmt, sich äußerte), gehörten nichtlange nachher zu den entschiedensten Mitgliedern der rechten Seite.

Damit die Zwischenzeit bis zur Berichterstattung und Berathung über den Ra-veaux'schen Antrag nicht ohne Bewegung und Kampf bleibe, brachte Zitz, der Anwaltaus Mainz, die Vorfälle vor das Parlament, die in jener Bundesfestung einen blu-tigen Zusammenstoß zwischen Bürgern und Soldaten herbeigeführt hatten, und mög"licherweise noch Schlimmeres zu drohen schienen. Seit Jahren lebte die MainzerBevölkerung mit der Besatzung, zumal mit den Preußen, in häufigem Hader, dessenerste Ursachen vielleicht in der nicht wegzuleugnenden Anhänglichkeit Vieler an diefranzösische Herrschaft, welche der Provinz die Wohlthat einer volkstümlichen Ge-richtsverfassung hinterlassen hatte, vielleicht auch in dem Gegensatze lagen, welchennorddeutsche Sprache und Gewohnheit gegenüber der gemüthlichen, lebenslustigen Artder Mainzer hervorrufen mußten. Die Ma'rzbewegung konnte diesen Gegensatz nursteigern und in größerer Schroffheit vortreten lassen, und die erfolgte Bewaffnung