Die deutsche Nationalversammlung. 177
Bedeutsamkeit erhalten sollte. Allein der milde Beckerath, dem gewiß keine Vorliebefür rohe Militairgewalt zuzutrauen war, und selbst Wydenbrugk von Weimar, auchem Sohn der Märzbewegung, sprachen sür den Übergang zur Tagesordnung: Jener,weil die Abhülfe der hessischen Regierung zu überlassen sei, Dieser, weil die Ver-sammlung nicht in die Vollziehungsgewalt eingreifen dürfe. Nauwerck von Berlin^ar nicht der Mann, der mit Erfolg dieser Wendung der Verhandlungen entgegen-^flen konnte. Er meinte, das Parlament, umgekehrt wie der Bundestag, müsseuch für jede Beschwerde des Volks competent erklären; die Verfassung Deutschlandsiu machen, werde man doch Zeit genug finden. Dieser Gedanke hat nachher demPolitischen Verhalten der linken Seite zu oft als Regel gedient, und vielleicht nicht^tuig zur Vernichtung des Parlaments mitgewirkt.
Die Versammlung theilte jene Meinung nicht. 20 Redner standen ihr noch bevor;?Ar sie schloß die Berathung, gönnte nicht einmal mehr dem Berichterstatter das"^ort, und ging, obschon mit nicht großer Mehrheit, zur Tagesordnung über. Dererste Versuch, das Parlament in einen Convent hinüberzuspielen, war mislungen,und den Fürsten der Maßstab der Besonnenheit und Mäßigung der Nationalver-sammlung vor Augen gelegt. Blieb jetzt auch in den Regierungen der Drang der^ ue und Besserung lebendig, der sich in den Märzverheißungen hatte spüren lassen,mußte man sich von beiden Seiten auf halbem Wege entgegenkommen, und das^erk mit vereinten Kräften vollenden.
Daß es wenigstens der Versammlung ernstlich darum zu thun war, jene gol-ene Mittelstraße einzuhalten, welche in den Lehrbüchern der Sittlichkeit mehr als inenen der Staatskunst gepriesen wird, das bewies sie bei der inhaltschweren Ver-^andlung, welche am folgenden Tage über den Raveaux'schen Antrag stattfand. Inem berichterstattenden Ausschuß, obwol die gemäßigte Partei überwog, hatte eineEntschiedene Mehrheit sich nicht bilden können. Georg von Vincke aus Hagen, dereruhmte Redner von 1847, Eduard Simson aus Königsberg, von Neuwall aus""" und Sommaruga aus Wien wollten den Antrag durch eine motivirte Tages-b^itigen, „in dem begründeten Vertrauen, daß sämmtliche Staatend ^Esthlands alle Punkte ihrer besondern Verfassungen, die nach Vollendung desputschen Verfassungswerkes mit demselben in Widerspruch stehen, abändern werden",restr Vertrauenslehre, der seitdem von dem Parlamente öfter als von den Regie-ugen entsprochen wurde, traten Schaffrath aus Sachsen, Kolb aus Speier undonß Hartmann, der Dichter (es war das erste und letzte mal, daß Hartmann inwem Ausschusse saß), mit dem entschiedenen Antrage entgegen, einen Beschluß desjenes berufene „einzig und allein", ausdrücklich zu wiederholen, und^ ^ fElen die Gesetze, Verfassungen und Verträge nur insoweit gültig,
als sie Mlt der einzig und allein von der Nationalversammlung zu errichtenden deut-schen Verfassung übereinstimmen.*) Vorsichtiger und versöhnlicher sprach sich derVorschlag aus, zu welchem sieben Ausschußmitglieder, deren Richtungen seitdem weitüuseinandergegangen sind, sich vereinigt hatten: es waren Beckerath, die Würtem-^rger Schober, Paul Pfizer und Römer, von Herrmann aus München, Lette ausVint^'s"^ Heckscher. Sie verlangten, daß die Vornahme jener Änderungen, für diesab . ^6 das Zutrauen auf die Einzelstaaten als genügende Bürgschaft an-förmlich als allgemeine Verpflichtung erklärt werde. Ein Antrag endlich vonaus Koblenz schloß sich der mildern Form nach an den letztem, durch dention/r euern Inhalt an den von Schaffrath an. Er lautete: „Die deutsche Na-herv ^rsammlung, als das aus dem Willen und den Wahlen der deutschen Nationlands^bäangene Organ zur Begründung der Einheit und politischen Freiheit Deutsch-, erklärt, daß alle Bestimmungen einzelner deutscher Verfassungen, welche mit
Artikel: „Das deutsche Vorparlament" auf S. 705 und 706 deS zweiten Ban-
7 ^ „Gegenwart". D. Red.
Gegenwart. V. 12