Band 
Fünfter Band.
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Die deutsche Nationalversammlung.

dem von ihr zu gründenden allgemeinen Verfaffungswerke nicht übereinstimmen, nurnach Maßgabe des letzter« als gültig zu betrachten sind, ihrer bis dahin bestandenenWirksamkeit unbeschadet." An der Flut von Verbesserungsanträgen einzelner Ab-geordneter gehen wir vorüber.

Die Verhandlung eröffnete Naveaux, der hier zum ersten mal jenen Takt ent-wickelte, mit welchem er die meiste Zeit seines parlamentarischen Wirkens hindurchzwischen der Unerbittlichkeit politischer Lehrsätze und den Anfoderungen der Negie-rungspolitik geschickt hindurchzusteuern und sich in den Grenzen der Mäßigungsparteizu erhalten wußte, ohne das Zutrauen der Massen jemals einzubüßen. Es lag inihm ein Kern von gesundem Mutterwitz, und seinem Verständniß der Gefühle undBedürfnisse deS Volks hielt damals sein Verständniß der Zeit und der Möglichkeitennoch die Wage. Er kannte die in der Mehrheit des Parlaments vorherrschendeStimmung sehr genau; er wußte, daß in ihr zwar jener Grundton, die „Bekämp-fung der Reaction und der Anarchie", noch immer sortklang, aber dennoch der grö-ßere Nachdruck auf die Anarchie gelegt wurde. Daher wollte er der Gelegenheit zueiner schroffen Entscheidung über den Ausspruch des Vorparlaments aus dem Wegegehen, um ihn nicht zu gefährden, und erklärte sich gegen eine wiederholte Aufstel-lung des „einzig und allein". Indem er dann den Unterschied zwischen den An-trägen Beckerath's und Werner's klar und scharf darlegte, machte er mit besondermGeschicke geltend, daß jener, wiewol scheinbar milder, im Grunde doch viel verletzen-der sei für die Einzelstaaten als dieser, und daß es weit größere Schwierigkeit schaffe/wenn man ihnen selbst die Pflicht der Abänderung ihrer Verfassungen auferlege,als wenn man von vornherein alles der Neichsverfassung Widersprechende für un- 'gültig erkläre. Gegen diesen letzten Theil seiner Ausführung vorzüglich wendeten sichRömer, als Berichterstatter, und Heckscher, indem sie nachwiesen, daß doch eine Be-stimmung darüber, wer solche Abänderungen vorzunehmen habe, keinensalls fehlendürfe. Nachdem Schaffrath, polternd und heftig in Ton und Form, für die An-sichten der Linken gesprochen, erhob sich Beckerath für die der Mehrheit des Aus-schusses, Vincke für den Übergang zur Tagesordnung.

Es machte in der That einen eigenthümlichen Eindruck, die Dioskuren des preu-ßischen Vereinigten Landtags nun auch in St.-Paul auftreten zu sehen, jene politi-schen Größen, die in dem Vorfrühling der deutschen Erhebung um so größer erschie-nen waren, als sie vereinsamt emporgeschossen auf den kahlen Feldern, die nochlangen Winterfrost der dreißig Jahre litten. Aber die Vorkämpfer aus jener Zeiterfüllten damals nicht oder täuschten geradezu die gespannte Erwartung; denn inder neuen Lage und in der neuen Umgebung war doch ihre Meinung die frühere,ihr Talent dasselbe geblieben. Beckerath, mit den weichen Zügen, deren Milde dieFestigkeit nicht ausschloß, erschien mehr als eine empfindsam dichterische Natur den"als ein tiefer und reicher Geist. Der idealistische und zugleich ruhige Schwung se^ner Rede, der an das Äußerliche der Schiller'schen Manier erinnerte, wehte fremd-artig in diese Tage deS Kampfes herüber; und die sanfte lispelnde Stimme war nichtfür Räume geschaffen, welche 600 Abgeordneten und 2000 Zuhörern nicht zu enSwaren. Vincke hatte mit Jenem weder in der Art des Denkens und Fühlens, nochin der äußern Erscheinung, noch in der Ausprägung des Rednertalents irgend eiuÄhnlichkeit; aber in der Festigkeit ihrer Überzeugung und in ihren politischen Nic^tungen lagen zahlreiche Berührungspunkte. Diese breite, weitbrüstige Gestalt nndem lustig dareinblickenden Gesicht schien einem Landjunker anzugehören, welä)^selten im Leben von dem väterlichen Gut sich entfernend, die müßigen Stunden ^humoristischen Jagdgeschichten zu verkürzen liebt. Auch wenn er die Nedncrbüh"bestieg, entsprachen die scharfe, an Wohlklang nicht reiche Stimme, der überrasch^man möchte sagen spritzende Vortrag, der gänzliche Mangel an jenem Pathos,chen dieser Ort und diese Zeit foderte, keineswegs dem hohen Bilde, welches ruvon dem Manne in der Seele trug, der einst „als Diamantstaub den DiamanSavigny geschliffen". Weil die Hast, mit welcher ihm die Worte aus dem Dlu