Band 
Fünfter Band.
Seite
179
JPEG-Download
 

Die deutsche Nationalversammlung. 179

stürzten, seiner Rede den Charakter einer formlos hin- und Herstreifenden Wort- undGedankenjagd gab, so bedurfte es des aufmerksamen Hörens, um den leitenden Fa-den durch die ergötzliche Mannichfaltigkeit hindurch zu erkennen. Reich an feinen undgeistvollen Wendungen, gewandt und rasch jeden Pseil auf den Schützen zurück-schnellend, sprang er vorwärts und seitwärts durch das Gewühl der Debatte hin,auch den leichtesten Vortheil eines verletzenden Witzwortes nicht verschmähend. Aberhatte man sich erst an solche Kampfmanier gewöhnt (und das that man gern unddoppelt gern in der ermüdenden Weitschweifigkeit der Verhandlungen), so erkanntewan bald die haarscharfe Logik und die Schneide der Geisteskraft, die an jedem Pan-zer die Fugen fand und traf: und mehr und mehr wurden die Hörer angezogen.Die Gedanken eilten in Fülle über die Lippen, und drängten und stießen sich unter-wegs, weil ihrer zu viele kamen, und keiner zurückbleiben wollte; und dennoch warm dem Ganzen der Rede eine vollkommen harmonische Gliederung, eine bewußte undstchere Bewegung, ein genau vorgezeichnetes Ziel. Wenn die Begabung Vincke's inden ersten Tagen des Parlaments ihren Ruhm nicht aufzuwiegen schien, so mag,mehr als Alles, seine geradsinnige, redliche, ehrenfeste Treue gegen seine eigene Ver-gangenheit dies verschuldet haben. Er, welcher für das Recht in die Schranken ge-beten, konnte die Thatsache, die Revolution, um so weniger anerkennen, als sieja selbst vor ihren eigenen Folgerungen zurückgewichen war, um sich durch die Re-gierungen mit den Formen der Gesetzlichkeit umkleiden zu lassen. Schärfer blickendals die Meisten, mochte Mucke schon damals erkannt haben, daß eine halbe Revo-lution keine Revolution sei, und daß inmitten dieser Bewegung die eigentliche Ent-scheidung doch immer bei den Gewalten von ehedem geblieben. Mit einer vollendetenund abgeschlossenen Thatsache härte er sich vielleicht versöhnt, denn sie wäre der Ent-wickelung fähig gewesen; allein er war nicht der Mann, es halb mit der Revolutionund halb mit den Dynastien zu halten. Der Vertheidiger des germanischen Stände-wesens war constitutionell geworden; weiter ging er nicht vorwärts, aber auch nichtwerter zurück. Und als die Führer des Märzen, welchen nach der laut ausgesproche-nen ,, Souverainetät der Nation" Vincke's Narrheit freilich nicht gefallen konnte,langst wieder sich unter den Fittig der Octroyirung geflüchtet, stand der westfälische^andjunker uoch immer auf derselben Stelle, festhaltend auch das Recht, das ausder Umwälzung emporgestiegen, durch allseitige Anerkennung eben erst zum Rechtegeworden, und doch schon von seinen Schöpfern aufgegeben war.

In der Verhandlung des 27. Mai stellte Vincke der Mehrheit Sätze entgegen,die aus seinem Mund überraschten, die widerwillig angehört, aber nach wenig Mon-den von derselben Mehrheit auf ihr Banner geschrieben wurden. Denn Vincke war,was diese mcht: klar und entschieden und einig mit sich selbst. Das Volk, sagte er,habe dem Parlamente mcht die Vollmacht gegeben, allein über Deutschland zu ent-scheiden. Es handle sich auch in dieser Frage nicht um die Volkssouverainetät, son-dern (und dies hieß allerdings den Nagel auf den Kopf treffen) um das Verhält-niß Deutschlands zu den einzelnen Staaten. „Ich behaupte nun", fuhr er fort,,,das preußische, das östreichische, das bairische Volk ist ebenso souverain, wie dieübrigen 35 Völker, die jetzt noch in Deutschland existiren. Ich bedauere lebhaft, daßletzt noch Z8 verschiedene Nationen in Deutschland vorhanden sind." (Mehre Stim-men: Nein! nein!) „Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen; ich denke, wir einigenus ein, für allemal. Ich werde wol noch öfter in die Lage kommen, mit den ver-HNen Herren auf dieser (d. i. der linken) Seite nicht übereinstimmen zu können,erlaube mir daher, dieselben zu bitten, ihre Misfallsbezeigungen immer bis ansruf ^ verschieben, und dann ihr Mißfallen in einem kräftigen, einstimmigen Aus-^ > zu erklären." Nachdem er so durch scherzende Besonnenheit die Gegner zuruhe gezwungen, erörterte er, daß es der Beruf der Gegenwart sei, aus dem Staa-eubund in den Bundesstaat hittüberzukommen; was aber Ende und Ziel der Bera-tungen sein solle, könne man nicht als bereits vorhanden voraussetzen. Man wolle

12 *