180 Die deutsche Nationalversammlung.
ja hier die Principienfrage vermeiden; allein gerade diese werde durch die Anträgeder andern Ausschußmitglieder entschieden: ob dies in mehr oder minder schroffenAusdrücken geschehe, sei einerlei. Wenn man den einzelnen Staaten und Regierun-gen sage: Wir sind allmächtig, und ihr seid nichts, so federe man den Widerspruchheraus; man führe aber auch einen Hieb in die Lust, da sich bisher lisch keineFeinde dieses Grundsatzes gezeigt. „Die Ereignisse werden in letzter Instanz ent-scheiden.... Sie haben keine Exccutivmacht.... Wenn die Stimme der Mehrheit-es Volks nicht für Sie ist, so werden Sie schwach sein."
Wenige in der Versammlung gaben damals zu, daß Vincke die Verhältnisserichtig erkannt habe. Man glaubte nicht an das innerliche Fortwühlen der altendeutschen Krankheit, weil ihre äußerlichen Erscheinungen einen Augenblick gehemmtund vor der heißen Einwirkung der Revolution zurückgetreten waren. Hätte in je-nen Tagen ein Jeder mit Vincke's Augen gesehen, so war es „wol noch Zeit, dierechten Heilmittel anzuwenden, rasch und rücksichtlos, ehe das Übel seine gewohnteKraft wieder gewonnen. Werner auS Koblenz, der ihn zu widerlegen auftrat, be-wies freilich mit leichter Mühe, daß eine deutsche Verfassung nie Zustandekommenkönne, wenn sie noch der Zustimmung von so vielen Staaten und Regierungen be-dürfe; aber er unterließ es, hieraus dir einzig richtige Folgerung zu ziehen, daß dieNationalversammlung entweder sich mit den bedeutendsten dieser Regierungen verstän-digen, oder deren augenblickliche Machtlosigkeit rasch benutzen, und die deutsche Be-wegung zu solcher Spannkraft steigern müsse, daß jene für immer unfähig zum Wi-derstände blieben. Außer Diesem gab es nur ein Drittes: das Werk als unmöglichaufzugeben. „Die Ereignisse entschieden in letzter Instanz" für dieses Dritte.
Nachdem Welcker noch in heißblütiger Rede die Zustimmung der Regierungenzu der Verfassung als eine Nothwendigkeit des Rechts und der Ehre dargestellt, aberauch sein Vertrauen auf die moralische Käst der Nationalversammlung ausgesprochen,und aus der Zusammenberufung der letztem den Beweis gezogen, es hätten dieRegierungen im voraus ihre Nachgiebigkeit erklärt, wurde die Sitzung um 3 UhrMittags vertagt. Dritthalb Stunden darauf begann die Verhandlung aufs neue;die Zwischenzeit war nicht ohne Einfluß auf eine Annäherung der Parteien geblieben-Der Werner'sche Antrag war es, für den nun fast alle Redner auftraten. Die beidenäußersten Anträge nach rechts und links, der von Vincke und der von Schaffrath,wurden noch vom Grafen Arnim-Boitzenburg und von Robert Blum vertheidigt. GrafArnim, ein hochblonder Kopf mit diplomatischen Gesichtszügen, hielt es für unmög-lich, daß man, noch ehe die Verfassung nur angefangen sei, die Unterwerfung Deutsch'lands unter dieselbe fodere. Er legte hierbei offenbar auf die Form mehr Gewichtals auf den Inhalt, und indem er jene unlogisch fand, ließ er unbeachtet, daß daserste Bedürfniß einer solchen Versammlung sei, festzustellen, ob sie Vorschläge zumachen, oder eine Verfassung zu gründen habe. Dies hob sofort Robert Blum mitSchärfe hervor; und er wies dann auf die Einberufung constituirender Versanin«'lungcn in so vielen Einzelstaaten hin, und fand in ihnen eine Absicht und Bedeu-tung, welche die Geschichte seitdem bestätigt hat.
Die gemäßigt Freisinnigen, wie CompeS und Widenmann, Beide im Rheinlandzu Hause, ja selbst die Ultramontanen, für welche Knoodt von Bonn 'auftrat, wand-ten sich dem Werner'schen Antrage zu. Raveaux, der als Antragsteller daS Schluß-wort hatte, wandte mit großem Glück eine Bestimmung des preußischen Verfassung^entwurfs, welcher eben erst der berliner Versammlung vorgelegt worden, auf d'^vorliegende Frage an, und zeigte daraus, daß auch die preußische Regierung die Be-schlüsse des frankfurter Parlaments als maßgebend für ganz Deutschland anerkenn^Dann federte er das Haus zur Einigung auf; und wie Raveaux solche Überraschu"'gen immer trefflich herbeizuführen wußte, so geschah es, daß jetzt SchaffrathNamen der Linken erklärte, sie wolle, mit Beseitigung ihrer Ansicht, dem Wen'er-schen Antrag beitreten. Da erschollen die Bravorufe im Saal, die Hoch aus deGalerien; ein Blitz der Begeisterung leuchtete durch St.-Paul: man glaubte sich