204 Die deutsche Nationalversammlung.
Theil jener Anzahl mitgestimrnt. Die Versammlung erklärte die Wahl für unzu-lässig (10. Juli).
Inzwischen liefen Berichte der nach Wien gesendeten Abgeordneten ein, welcheden Jubel des Volks an allen Orten, die der Reisezug berührte, und dann die An-kunft in Wien und den Empfang in der Kaiserburg schilderten. Der Erzherzogerwiderte auf die Anrede, welche Heckscher an ihn hielt, daß er den Zeitpunkt nochnicht genau zu bestimmen im Stande sei, wann er die Reichsverweserschaft antretenkönne; er werde sich mit dem Kaiser über die Art und Weise verständigen, wie erdie Pflichten derselben mit seiner Stellung in Ostreich, als Vertreter des Kaisers,vereinigen könnte.
Wenn diese Worte einen Wunsch andeuten sollten, mit der Leitung der östrei-chischen Angelegenheiten auch die der deutschen zu verbinden, so war hierin eine Un-möglichkeit ausgesprochen. Hatte das Parlament ein Reichsamt geschaffen, dessenBefugnisse unbestimmt, dessen Macht von den Ereignissen abhängig, und für dasdie beharrliche Hingebung einer vollen Persönlichkeit kaum zu genügen schien: so wa-ren auch die Verhältnisse Ostreichs so verwirrt und schwierig geworden, daß nur derumfassendste Geist und eine riesenhafte Kraft an ihre Ordnung denken konnte.Auf die wiener Revolution war im März der Aufstand der Lombardei gefolgt; Ve-nedig hatte sich freigemacht; der alte Drang der Ungarn nach Selbständigkeit schwollso hoch, daß er alles Ansehen des Kaisers zu vernichten drohte; die slawischen Völ-kerschaften, die zahlreichsten des Staats, rangen nach einer geschlossenen Sonder-stellung. Während aber solche innern Drangsale das Reich zerfleischten, zog Sar-dinien das Schwert, um Italien ganz von Ostreich loszureißen. Die Gefahr vonaußen schien den Parteien, die um die Herrschaft ihrer Grundsätze, den Völkern,die um eine gleiche oder ausschließliche Berechtigung stritten, nur heftigere Kampflustzu geben, während die Regierung immer schwächer uiü rathloser schwankte. Vonoben war soviel versäumt, von unten soviel entbehrt worden: das sollte nun Allesauf einmal nachgeholt werden. Und weil die Wellen der großen Bewegung nochimmer hochgingen, so wurde jedes Begehren der Volksführer alsbald zu einer neuenRevolution. Eine solche im kleinern Stil hatte am Abend des 4. Mai die Abdan-kung des Ministers Grafen Fiquelmont erzwungen; eine andere, großartigere, halttam 15. Mai die vom Kaiser erst am 25. Apr. geschaffene Verfassung gestürzt, de-ren Zweikammersystem den Studenten, die mit jugendlicher Einsicht in StaatssacheNzu jener Zeit Alles entschieden, durchaus misfällig erschien. Eine constituirendtNeichsversammlung war zugesagt worden; und wenn auch der erschreckte kaiserlich*Hof nach Innsbruck flüchtete (17. Mai), so wagte er doch keine Zurücknahme desVersprechens, solange die „Aula" bestand. Als aber der Minister Pillerödorsdeu Augenblick zur Aufhebung der gebietenden akademischen Legion gekommen glaubte,brach eine neue Bewegung aus: Wien sah zum ersten mal Barrikaden (26. Mai)'Die Herrschaft der Aula war neu befestigt; ihre Führer freilich sie selbst kein*Studenten mehr! — walteten im „SicherheitSausschusse", der seinerseits das ^nisterium beherrschte, und es durch eine einfache, nach Stimmenmehrheit beschlossen*Auffoderung zu Falle brachte (8. Juli).
Inzwischen rückte das Unheil von Norden, Süden und Osten immer nähesSchon waren italienische Freischaren auf dem Boden von Südtirol, schon eine sard^nische Flotte vor Triest erschienen. Jetzt erst schien man sich an diesen beiden Punk*ten zu erinnern, daß man zu Deutschland gehöre. In Triest zog der Befehlshab*^unerhört in Ostreich, die schwarzrothgoldene Fahne aus; und in Frankfurt bewoSder Antrag Kohlparzer's, eines der östreichischen Abgeordneten, die NationalversaM^lung zu dem raschen Beschlusse: es sei jeder Angriff auf Triest als eine Kriegs*^klärung gegen Deutschland zu betrachten (20. Juni). Das hinderte Sardinien nich /den Hafen von Triest fortwährend einzuschließen. ^
Bedeutsamer für Östreichs wie für Deutschlands Eestaltungsplaneböhmischen Angelegenheiten. Die Czechen, um der Einordnung in das Deutle