214 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.
sich vergrößernden Opfern gezwungen wäre, was unausweichlich zu einem neuen Bank-rott führen müßte. Wenn diese Politik durchaus geändert wird, dann können wirin Hinsicht der Bank vollkommen ruhig sein, und darum wünsche ich, daß die löb-lichen Stande ihre Aufmerksamkeit auf jene Verhältnisse richten, welche das Anwach-sen der öffentlichen Gefahr verhindern können." Kossuth ging hierauf in eine aus-führliche, überaus scharfe Kritik der östreichischen Cabinetspolitik, nicht nur Ungarn,sondern auch den östreichischen Erbprovinzen gegenüber, ein, und bewies, wie die ver-fassungsmäßige Zukunft Ungarns erst dann gesichert sei, wenn den König in all sei-nen Regierungsverhältniffen konstitutionelle Regierungssormen umgeben. Bei de«Gefahren, welche der Dynastie durch die neuesten europäischen Ereignisse drohen,könne sie nur durch den Enthusiasmus der Volker gerettet werden; vom Herzen treusei aber nur der freie Mann. Darum möge der ungarische Reichstag, gegenwärtigdie einzige freie Volksvertretung in Gesammtöstreich, darauf dringen, daß der Mon-arch allen seinen Provinzen eine freie Verfassung, und Ungarn, nach altem Rechte,eine selbständige Verwaltung gebe, und diesen Wunsch möge er in einer unverzüglichan den Monarchen zu richtenden Adresse aussprechen.
Der Eindruck, den die Rede Kossuth's hervorbrachte, war ungeheuer. Selbstdie entschiedensten Mitglieder der Opposition staunten über diese kühne Sprache, diesie selbst jetzt noch zu gewagt fanden. Diese Rede that auch in Östreich gewaltigeWirkung. Sie verlieh hier den unbestimmten Wünschen und Verlangen, die in Folgeder auswärtigen Ereignisse allseitig erwachten, einen gewissen Anhaltepunkt; und als sieam 13. März, beim Beginn der wiener Bewegung, den versammelten Volkshaufenvorgelesen wurde, gab sie den ersten Anstoß zum Ausbruch der Revolution. Abertrotz des erschütternden Eindrucks seiner Worte konnte Kossuth mit der beantragtenund von ihm vorgelegten Adresse nicht sofort durchgingen. Von den Ständenwurde sie zwar einstimmig angenommen, da selbst die konservativen, von derMacht der Ereignisse erdrückt, nicht dagegen zu sprechen wagten. Als jedoch dieAdresse an das Oberhaus gelangte, beantragte der Vorsitzende, ^uäex auriao Maj-läth, einen Aufschub der Verhandlung, weil der Palatin abwesend, der Gegenstandaber zu wichtig und delicat sei, um ohne diesen verhandelt zu werden. Wiewol Bat-thyäny bemerkte, daß sich das Haus durch die Abwesenheit des Palatin in seinenBerathungen nie beirren zu lassen habe, drang doch der Vorsitzende mit seinem An*trage durch, und die Verhandlung der Adresse wurde vertagt. Auf lange Zeit in-dessen konnten die hohen Herren dem allgemeinen Drängen nicht widerstehen. Schonam 14. März nahmen auch sie einstimmig die Adresse an, da die aus Wien ange-langten Nachrichten von den Ereignissen des 13. März selbst den Furchtsamsten alleScheu, und den Aristokraten allen Muth des Widerstandes benahmen.
Die Adresse, gewissermaßen das osficielle Programm der ungarischen Ma'rzbe-wegung, bezeichnete als Hauptbeschwerde und wesentliches Hemmniß einer glückliche"Entfaltung des Landes den Umstand, daß die königliche Staatsregierung nie die ver*fassungmäßigc Richtung verfolgt, mithin sich stets mit einer selbständigen Verwaltungsowie mit dem Constitutionalismus Ungarns in Widerspruch befunden habe.Reichstag, zur Durchführung wichtiger materieller Reformen berufen, erkenneBedeutung derselben und gebe sich ihnen mit Eifer hin; es sei aber auch ingegenwärtigen Zeitlage sein ganz besonderer Beruf, sich der Entwickelung des const^tutionellcn Lebens zuzuwenden. Er werde demnach seine gesetzgeberische Thätig^hinlenken: auf die Herstellung einer wahrhaften Volksrepräsentation, auf die Unte^stützung und Belebung der geistigen Interessen, auf die nationale UmgestaltungVerthcidigungssystems, sowie auf die Ordnung der ungarischen Finanzen: Alles dieaber mit billiger Berücksichtigung der dabei collidirenden Interessen der östreichisch^Erbländer. Damit aber diese Gesetzgebung Leben und Wirklichkeit gewinne, krachder Reichstag die Einsetzung einer „nationalen, von jedem fremden Einfluß unahängigen Regierung" für nothwendig, und verlange und betrachte als Hauptbedlgung und wesentliche Garantie aller Reformen „die Umwandlung deS gegenwärtig