226 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.
daS Gemeinwohl und die hohem Landesinteressen, faßte jede Dolksclasse die Freiheitnur in ihrem selbstsüchtigen Interesse aus. Wie vorher in Presburg, so wurden imApril und Mai auch in Kaschau, EperieS, Neustadtl, Szered, NadaS und andernOrten jene mittelalterlichen Scenen gegen die Juden ausgeführt; sogar ereignetesich am 19. Apr. zu Pesth ein Gleiches unter den Augen des Ministeriums. DasSpießbürgerthum wollte ebenso wenig von der Gewerbefreiheit wie von der Gleichbe-rechtigung wissen, vielmehr die neue Freiheit nur dazu benutzen, um die alten Zunft-schranken noch mehr zu befestigen. Die Regierung ward von den Zünften einerseitsund den Arbeitern andererseits unablässig mit den ungerechtesten Foderungen bestürmt.Der Bauer, vom Zehnten und Robot freigemacht, wollte sich hiermit ebenfalls nichtbegnügen; er foderte im Namen der „Freiheit" auch Entschädigung für seine bis-herigen Leistungen, da diese doch jetzt als mit Unrecht erpreßte erklärt schienen.In mehren Gegenden, besonders in den nördlichen Comitaten, trieb man schmählichenUnfug gegen die Gutsherren, indem die Bauern sich deren Wälder, Weingärten undFelder bemächtigen und den Ertrag unter sich theilten. Dem Ministerium fehltenzunächst schon die nöthigen Organe, um seinen Befehlen Geltung verschaffen, dieRuhe und Ordnung überall aufrechterhalten zu können. Die Administratoren warenbeseitigt, aber ihre Stellen fanden sich noch unbesetzt. 'Die bisherige Comitatsver-faffung, auf die Adelsprivilegien basirt, konnte man nicht länger beibehalten; mitder neuen Organisation ging es aber nur langsam vorwärts, weil das Ministeriumselbst noch unschlüssig war, ob der Reorganisation die alte Municipalversaffung zu-grundegelegt, oder, da diese einem verantwortlichen Ministerium gegenüber nicht gutanwendbar, die Centralisation eingeführt werden sollte.
Auch die Finanzlage des östreichischen Cabinets machte dem ungarischen Mi-nisterium schon in den ersten Tagen viel zu schaffen. Am 16. Apr. brachte die amt-liche „Wiener Zeitung" ein königliches Schreiben an Erzherzog Stephan, in welchemder König die Hoffnung zu erkennen gab: „Es werde von der großherzigen ungari-schen Nation und ihren Vertretern ausgesprochen werden, daß die auf der Lstreichi"schen Gesammtmonarchie lastende allgemeine Staatsschuld nach einem gerechten Maß"stab auch auf die Länder der ungarischen Krone übertragen werde." Das Schrei-ben war vom 7. Apr. datirt, und auch an diesem Tage — also zur Zeit als derReichstag noch beisammen — an den Palatin gelangt, der es dem Reichstag unter-breiten sollte. Da aber wegen des Neichstagsschlusses die gehörige Zeit zur Erörte-rung nicht mehr vorhanden, so ward in dem Schreiben zugleich die Meinung aus-gesprochen, es genüge schon, wenn die Stände in einer offenen Erklärung ihreBereitwilligkeit ausdrücken wollen, daß Ungarn den vierten Theil der Staatsschuld(jährlich 10 Millionen Zinsenzahlung) übernehmen werde. DaS Schreiben war den*Reichstage nicht mitgetheilt worden: wahrscheinlich hatte weder der Palatin nochMinister es gewagt, mit solchem Antrag bor das Haus zu treten. NichtsdestoweM"ger verbreiteten sich sogleich im Volke Gerüchte, daß darauf bezügliche Unterhand"lungen zwischen dem östreichischen und ungarischen Ministerium obschwebten, die nu"durch die Publication der „Wiener Zeitung" officielle Bestätigung zu erhalten schiene"'
Die Aufregung, welche diese Angelegenheit verursachte, war ungeheuer. Das LaNwollte durchaus nichts von Theilnahme an der Staatsschuld Gesammtöstreichs wisse"'Man erinnerte sich, wie Östreich seit Jahrhunderten durch sein einseitiges Zoll- ""Mauthsystem mit eiserner Konsequenz gestrebt hatte, Ungarns Handel und Jnduss^niederzuhalten, dem Lande die Verwerthung seiner Products zu erschweren, und ^durch den Geldreichthum gewissermaßen unmöglich zu machen. Andererseits war enotorisch, daß die Einkünfte, welche die östreichische Regierung auS Ungarn beMden Kosten^ entgegengehalten, welche die Verwaltung des Landes verursachte, einjährlichen Überschuß von 10 — 12 Millionen ergaben. Die Staatsschulden konntalso nie durch die ungarischen Verhältnisse herbeigeführt worden sein. Noch mey^diese Staatsschulden hatten sich größtentheils durch die Kriege der letzten 60 3A.angehäuft, die bekanntlich nicht für Ungarn, sondern für die Erhaltung