230 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.
das ganze „Land der Magyaren" feindlich umspannte. Ungarn hat nämlich bei einerBevölkerung von 14 Millionen Köpfen nicht mehr als 5 Millionen wirklich magyari-sche Bewohner. Die übrige Bevölkerung, mit Ausschluß von 1,500000 Deutschen,ist sammt und sonders flämischen Ursprungs, wenn auch verschiedenen Stammes undDialekts; wie: Slowaken 1,687256, Kroaten 886079, Ruthenen 442903, Raitzen828365, Walachen 2,311000 Seelen u. s. w. Diese Volksstämme wurden theilsvon kroatischen, theils von czechischen, theils auch von russischen Emissären im anti-magyarischen und^ panflawistischen Sinne bearbeitet. Und da sie in der That hierund da von den Übergriffen manches magyarischen Hyperpatrioten zu leiden hatten,andererseits die gegenseitigen Reibungen von der Regierung genährt wurden, so wares natürlich, daß die Erbitterung gegen das Magyarenthum immer mehr umsichgriffund die Zahl der Feinde Ungarns sich täglich vergrößerte.
Abgesehen von der numerischen Minderzahl deS magyarischen Elements gegendie nichtmagyarische Bevölkerung UngarnS, ist ersteres auch durch die geographischeVertheilung des Landes unter den verschiedenen Volksstämmen bedeutend im Nach-theil. Ein Blick auf eine ethnographische Karte UngarnS zeigt, daß die Magyarennur das Flach- oder Mittelland bewohnen, während die Grenzen des Landes um undum von Nichtmagyaren bewohnt sind. Wir sehen die südöstliche Grenze von Wa-lachen und Raitzen, die südwestliche von Schokaczen und Kroaten, die nordwestlichevon Wenden, Deutschen und Slowaken, die nordöstliche von Slowaken und Nuthe-nen besetzt. Die historischen Gründe dieser Vertheilung sind leicht nachweisbar. EinTheil der Nichtmagyaren, wie die Slowaken, wohnten bereits im Lande, als die Un-garn aus Asiens Steppen hereinbrachen, konnten aber dem Andränge dieser wildenHorden nicht widerstehen, und flüchteten vor ihnen in die nördlichen Karpaten, wosie bis heute geblieben. Andere, wie die Deutschen, wurden erst seit dem 3. und 4.Jahrhundert der magyarischen Niederlassung ins Land gerufen. Dieselben wolltensich so wenig als möglich vom Heimatlande entfernen, und blieben meist bis zumheutigen Tage in den an Ostreich grenzenden östlichen Comitaten. Wieder Andere,wie die Raitzen und Serben, wanderten erst im Laufe der letzten Jahrhunderte inUngarn ein, und setzten sich in jenen Grenzstrichen fest, in die sie bei der Ankunftaus ihrer Heimat zuerst eintraten. Nun war es allerdings für den magyarischenStamm in einer Beziehung Vortheilhaft, daß er sich in der Mitte des Landes hielt)denn so nur konnte er die an den verschiedenen Grenzen angesiedelten slawischenStämme auseinanderhalten, und sich in der Herrschaft des Landes behaupten. Aberdiese Vertheilung verhinderte es auch andererseits, daß in Ungarn, wie dies in andernLändern geschah, die Beherrschten in den Herrschenden, die Nichtmagyaren in deinMagyarenthum aufgingen, weil die Beherrschten nicht mit und unter, sondern nebenden Herrschern lebten. Auffälliger als je bewahrheitete sich dies in den letzten Jahr"zehnden, wo allseitig daS Nationalgefühl reger wurde: das größte Hinderniß dergyarisirungsbestrebungen lag nur darin, daß die zu Magyarisirenden nicht im Innerndeß Landes, sondern an dessen Grenze, in der nächsten Nähe ihrer außerungarischt"Stammesgenossen wohnten. Der ungarische Walache erwartete stets eine Erhebungseiner Brüder in der Walachei, durch deren glücklichen Ausgang auch er Burg^eines unabhängigen und mächtigen Reichs würde; der ungarische Serbe blieb in steteVerbindung mit seinen StammeSgenossen in Serbien; der Slowake lebte in täglich^Berührung mit den Mähren und Böhmen: jeder Stamm suchte und fand sti"^Anziehungspunkt ganz wo anders als in den das Centrum des Landes haltendeMagyaren. Bei solchen Gegenwirkungen konnte die Magyarisirung nur langst"vorschreiten, und wenn sie sich, um rascher vorwärts zu gelangen, kräftig gelte"wachen wollte, mußte sie Haß und Erbitterung wecken. §
In diese Verhältnisse nun fielen die Ereignisse des März 1848, die «beralangverhaltene Wünsche und Bestrebungen an das Licht riefen, und auch auf ^slawischen Bevölkerungen Ungarns die mächtigste Wirkung äußerten, zumal diese 1noch mehr als früher von den Magyaren fürchten zu müssen glaubten. Im Dorr"