Band 
Fünfter Band.
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238 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.

trotz wiederholter feierlicher Versprechungen nicht persönlich zur Eröffnung. Derselbeward vom Erzherzog Stephan vertreten, welcher vor den versammelten Deputirtenund Magnaten folgende Eröffnungsrede verlas: „Se. Majestät der König hat denReichstag seines getreuen ungarischen Volks auf den 2. d. M. einzuberufen geruht.ES war sein Wille, den Reichstag in allerhöchsteigener Person zu eröffnen. Aber eineschwere Krankheit verhindert ihn an der Erfüllung dieses väterlichen Wunsches. Ichbin durch eine Verordnung beauftragt, diesen Reichstag im Namen Sr. Majestät zueröffnen. Ich übergebe hiermit diese Verordnung und zugleich jene Resolution, ver-möge welcher der König den Ständen kundgibt, daß er, solange er durch Krank-heit am Erscheinen verhindert wird, mich zu seinem Stellvertreter in Ungarn unddem damit verbundenen Siebenbürgen, sowie in allen hierzu gehörigen Ländern, dieMilitairgrenze mitverstanden, zu ernennen geruht hat." Der Erzherzog verlas hier-auf die Thronrede, die abermals viel schöne Worte und glänzende Versprechungenmachte. Der König wünscht nur die Wohlfahrt deS Landes und die Integrität derheiligen ungarischen Krone. Es ist sein innigster Wunsch,.mit Unterstützung desReichstags den Frieden zwischen den feindlichen VolkSstämmen herbeizuführen und demLande die erwünschte Ruhe zu geben.

Was die Zusammensetzung der Versammlung betraf, so war dieselbe der halben,schlaffen Politik des Ministeriums sehr günstig. Die meisten Deputirten gehörtendem vormärzlichen Liberalismus an; sie scharten sich umsomehr um ihre frühern Füh-rer, da dieselben jetzt die Zügel der Regierung führten. Auch waren sämmtliche Mi-nister und viele Ministerialbeamte in die Versammlung gewählt worden, die somitunmittelbar auf die Verhandlung einwirken konnten. Das Ministerium mußte dem-nach, trotz der Fehler, die seine dreimonatliche Wirksamkeit auswies, eine überwiegendeMajorität erhalten: von 370 Vertretern gehörten kaum 40 der Opposition an. Die-se- kleine Häuflein bestand theils aus Männern, die schon auf den vormärzlichenReichstagen auf der äußersten Linken gesessen, wie der Nestor der ungarischen De-putirten, LadislauS Palöczy, die Brüder Madaraß (Ladislaus und Joseph), MoritzPerczel, Stephan Bezeredi, Joseph Patai, Ladislaus Teleky, Eugen Kallai u. s. w-,theils auö neugewählten Radicalen, wie Paul Nyary, Michael Täncsics, JosephJrinyi und Andern. DaS Ministerium, auf seine Kräfte pochend, schlug sogleichgegen die Minorität ein Betragen ein, wie es kaum ein absolutistisches Regierungs-organ gethan haben würde: es bewies sich empfindlicher als der verwöhnteste Dynast»Madaraß und Nyary foderten bald nach Eröffnung der Versammlung, am 10. Juli,die Vornahme der Adreßdebatte, um in derselben die bisherige Politik der Ministergründlich zur Sprache zu bringen. Madaraß sprach hierbei offen aus, wie das Landseit dem Schlüsse deS letzten Reichstags nur durch Intriguen geleitet worden. Kossuthgerieth darüber so in Hitze, und fand sich in seiner Eigenliebe so verletzt, daß erdie Minorität eine „verkrüppelte" schimpfte und deren Mitglieder als „Aufrührersbezeichnete, gegen welche die gesetzlichen Mittel angewendet werden sollten. Diese umparlamentarischen Auftritte wiederholten sich auch während der folgenden Monate,

da- Unter- und das Oberhaus, wo aber durch Haynau'S Anrücken dessen Zusammentn'tt urrtMbleiben mußte. Wenn das Unterhaus, dieser völligen Bedeutungslosigkeit des Oberhauses ge'genüber, allerdings berechtigt war, sich allein als die Nationalversammlung zu betrachten,entsprach diese Versammlung in ihrer Zusammensetzung doch nicht dem Begriffe, welchen wir M?einer modernen Volksvertretung verbinden. Wie schon früher erwähnt, war auch dar naAmärzliche Wahlgesetz nicht sehr liberal, indem eS durch den Census (Grundbesitz) die LEbarkeit bedeutend beschrankte, und die Capacitäten, insofern sie nicht Grundbesitz nachzuwer!hatten, ganz ausschloß, sodaß z. V. das Comitat Baranya, welches den VolksschrifrsttULancsic« wählte, demselben ein Grundstück schenken mußte, um ihn wählbar zu machen.auf diese Weise der Gelchrtenstand gewissermaßen gar nicht wählbar war, der besitzende V"gerstand aber, weil bisher von aller öffentlichen Thätigkeit ferngehalten, zu wenigBildung besaß, als daß er sich hätte können wählen lassen, so geschah eS, daß auch immärz dre Landesversammlung nur aus Adeligen bestand. Unter den 374 Deputirten besänsich nicht mehr als zwei Nichtadelige (Bauern).