Band 
Fünfter Band.
Seite
266
JPEG-Download
 

266 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.

anzuschließen. Die Generale Trebersberg und Dahlen sollten mit den Grenzern ausdem Sudosten über Fünfkirchen vorrücken. Um diese Einschließung zu vervollstän-digen und keinen Winkel freizulassen, ward Nugent mit 12000 Mann vom Osten,von Steiermark aus beordert, sich nach dem Plattensee hin zu wenden. Derselbesollte vornämlich dem ungarischen Corpsführer Perczel, wenn er vom Süden au- ge-drängt würde, den Rückzug erschweren, und die Bereinigung der ungarischen Süd-oder Drauarmee mit der ungarischen Nord- oder Leithaarmee verhindern.

Die ungarischen Streitkräfte waren gegen den in solcher Weise operirenden Feindin folgender Weise vertheilt. Die 30000 Mann und 60 Kanonen zählende Haupt-armee stand unter Görgei an der östreichischen Grenze, mit dem Hauptquartier inPresburg. Im Norden, Schlick gegenüber, befand sich Meßaros mit 14000 Mannund 32 Kanonen. Zn der Bäcska und im Banat Kis mit 14000 Mann und 50Kanonen. In Siebenbürgen waren nur die spärlichen Reste einer Armee vorhan-den, dem General Puchner und den fast allenthalben siegreichen walachischen Land-stürmlern gegenüber. Auch in Betreff der Festungen befanden sich die Ungarnim Nachtheil. Latour hatte am 5. Oct. sämmtlichen ungarischen Festungscomman-danten Gehorsam und Festhalten an Östreich befohlen. Der ungarische Landesver-theidigungsausschuß, nachdem er die Zügel der Regierung ergriffen, erließ zwar einenGegenbefehl, welcher den Festungscommandanten daß unverzügliche Aufstecken der un-garischen Nationalfahne bei Strafe des Landesverraths zur Pflicht machte, der abernicht überall befolgt wurde. Jene zwei Festungen, die inmitten der insurgjrten Ge-genden lagen und gerade dem Feinde zum Stützpunkt dienen konnten, Arad undTemesvar, nahmen sogar offen Partei gegen die ungarische Sache und Regierung.Rukavina in Temesvar beschützte die Serben; General Berger in der Festung Aradbeschoß die ungarischgesinnte Stadt Arad. Das die untere Donau beherrschendePeterwardein befand sich wol in den Händen der Ungarn. Aber den angestrengtenBemühungen derselben war es noch nicht gelungen, den Hauptschutzwall der Rathen,St.-Tamäs, zu nehmen und die Bäcska zu reinigen, sodaß sich Peterwardein nurauf die eigene Vertheidigung und kleine Ausfälle beschränken mußte und die Verbin-dung mit den ungarischen Streitkrästen nicht ununterbrochen unterhalten konnte. DieHauptfestung des Landes, das unbezwingliche Komorn an der obern Donau, blieballerdings dem ungarischen Interesse gesichert: der Commandant Majthenyi hatte denBrief Latour's und die Auffoderung des Ban nicht einmal beantwortet, sondern Bei-des dem Landesvertheidigungsausschusse zugeschickt. Allein, einen wie trefflichen Stütz-punkt auch Komorn bei den Operationen in Oberungarn abgeben konnte, war dochaus seiner Stärke weniger Nutzen zu ziehen, wenn die ungarische Armee zurückgehe"und den Kampfplatz an die Theiß verlegen mußte. Zu diesem kam nun noch fürUngarn der Übelstand, daß der feindliche Streitkoloß fast ganz aus geübten und gut-gerüsteten Soldaten zusammengesetzt war, während die ungarische Armee nur zur"dritten Theil gedientes Militair, im übrigen Recruten und schlechtbewaffneten Land-sturm zählte.

Selbst die exaltirtesten Ungarn konnten sich nicht verhehlen, daß sich das Landunter solchen Umständen in einer äußerst bedenklichen Lage befände. Wäre Windisch*Gräh gleich anfangs November mit seiner imposanten Macht energisch vorgedrungenso mußte es ihm wahrscheinlich gelingen, die ungarische Armee und die Revolulio"auf einen Ruck zu unterdrücken, zumal der Fall Wiens und die Niederlage ^Schwechat für den Augenblick Alles in große Entmuthigung versetzt hatte. ^östreichische Oberfeldherr verbrachte aber, zu Wien die Früchte seines Siegs pflückendsechs Wochen, bis zum 16. Dec., in Unthätigkeit, sodaß die Ungarn Zeit gewannensich wieder zu erholen und für den bevorstehenden Kampf zu rüsten. In der ^tionalversammlung, in der Presse, in den Kirchen und Volksversammlungen wurdas Volk über die Größe der Gefahr belehrt und zum Kampfe auf Tod und Lebeentflammt. Die standrechtliche Politik in Wien und die Härte, mit der man öflrchischerseits alle Theilnehmer der Volkserhebung verfolgte und behandelte, unterstutz