Band 
Fünfter Band.
Seite
274
JPEG-Download
 

274 Nassaus politische und sociale Zustande.

Bauernland, von einem einfachen, von der Welt abgeschlossenen Menschenschläge be-wohnt- den die Einflüsse einer hohem Bildung noch gar wenig in Gährung versetzthatten. Wenn die regierende Familie zu Dillenburg einen Arzt brauchte, so mußtesie (im 16. Jahrhunderte noch) viele Meilen weit außer Landes schicken, wo dernächste wohnte. In der ganzen Grasschaft war kein Mann, der die Kunstfertigkeit be-sessen hätte, auch nur das Zifferblatt einer Kirchthurmuhr zu malen; und wenn dieKirchenvisitation im Lande umherzog, fand sie oft in großen Bezirken keinen Pfarrer,der im Besitze von — Tinte gewesen wäre, womit sie ihre Protokolle hätten nieder-schreiben können. Dieses patriarchalische Altnassau ist durch die spätern Länderthei-lungen vernichtet worden.

Noch in den neunziger Jahren, wo die Ideen der Französischen Revolutionin der Nachbarstadt Mainz einen so fruchtbaren Boden gefunden hatten, bekundetesich die Abgeschlossenheit, Unzugänglichkeit und strenge Loyalität Altnaffaus. Baldnachher begannen die Ländertausche. Zu den größtenteils protestantischen alten Lan-destheilen wurden katholische geschlagen, sodaß jetzt die beiden Konfessionen fast zugleichen Hälften vertreten sind; Gaue, die durch die geschichtlichen Bande von Jahr-hunderten aneinandergefesselt waren, wurden getrennt, Landstriche, deren Interessennie gemeinsam gewesen, künstlich zusammengeschweißt. Dies würde bei einem größerNStaate vielleicht vortrefflich gewirkt haben; hier erzeugte es eine stetige, innere Un-ruhe, einen Widerstreit der Interessen, eine Spannung und Unbehaglichkeit, die denganzen Charakter der Bewohner mit der Zeit umwandeln mußte. Dies stellte sichbereits nach der Julirevolution heraus. Wirkte diese auch gerade nicht erschütterndauf Nassau zurück, so riefen doch drei Hauptpunkte damals schon eine große Auf-regung hervor: die Verfassungsfrage, die Domainenfrage, und das Holzleserecht derBauern. Obgleich die Bewegung, im Vergleich zu den Ereignissen, die damals inandern Ländern stattfanden, sehr unbedeutend war, und die Regierung schließlich einenganz entschiedenen Sieg davongetragen hatte, so erzählt man doch, der damalige HerzogWilhelm, ein äußerst scharfblickender Mann, sei gar betroffen und nachdenklich dar-über geworden. Und Das mit Recht. Denn die an sich unbedeutenden Bewegungenzeigten deutlich, daß jenes Altnassau, wie er es zu seines Vaters Lebzeiten noch ge*kannt hatte, nicht mehr existirte.

Der Minister Marschall, welcher durch eine lange Reihe von Jahren als detbedeutsamste Repräsentant des bureaukratischen Regierungssystems dastand, liebte es,den Grundsatz zu betonen, daß Nassau ein rein ackerbautreibendes Land und den^gemäß zu regieren sei. Man fürchtete sich vor dem Aufblühen einer selbständig^Industrie, weil man den Gedanken an das gefährliche Fabrikenproletariat untrem^damit verknüpft wähnte, und in dem persönlichen Einfluß reicher Fabrikherren ei^den Regierungseinflüssen schwer zugängliche, auf den eigenen Füßen stehende Ma^im Staate argwohnte. Statt dessen ließ man aber in dem „ackerbautreibendenStaate den kleinen Bauer zum Proletarier Herabsinken und schuf ein Proletas^des kleinen Gewerbes. In einem Gebirgslande wie Nassau, welches über die Hä'Amit Wäldern bedeckt und nächst Steiermark daS waldreichste Land in Europa ^hat der Bauer mit einer großen Ungunst des Bodens zu kämpfen. Das altekommen gestand ihm daher mancherlei Erleichterungen und Freiheiten zu, die frein?mit der systematischen Konsequenz allgemeiner Verwaltungsgrundsa'tze in WidersPs^geriethen. Da der Wald den Ackerbau nicht wenig beschränkte und beeinträchtigso hatte seit undenklichen Zeiten der Bauersmann auch allerlei Nutzungsrechte ^ -den Wald zur Ausgleichung in Anspruch genommen: wie die Berechtigungen gStreulaub- und Leseholzsammelns, der Loosholzvertheilung u. dgl. mehr. 3n.gvielen Ortschaften gedenkt's den alten Leuten noch, daß jeder Gemeindebürgcrganzen Holz- und Laubbedarf unentgeltlich aus dem Gemeindewald bezog; denn >Waldbestand in den altnassauischen Landen war vor anderthalbhundert Jahren g,so übermäßig, daß wol ebenso viel Holz im Dickicht unbenutzt verfaulte, als f"*Bedarf der ganzen Bevölkerung ausgehauen wurde. Es hatte sich dadurch angel^