Band 
Fünfter Band.
Seite
275
JPEG-Download
 

Nassaus politische und sociale Zustände. 275

der alten Gerechtsame eine sehr communisiische Auffassung über das Waldeigenthumdei den Bauern vererbt, sodaß es durchaus nicht der Predigt moderner Theorienüber den Besitz bedurfte, um den Gedanken einer allgemeinen Theilung in denselben*egezumachen. Und als dieser Gedanke beim Ausbruche der Volksbewegung des Jahres1848 sofort den gesammtcn nassauer Bauernstand durchzuckte, lag ihm viel weni-ger eine revolutionäre als eine conservative Tendenz zu Grunde: man wollte ein inBetreff des Waldes seit uralten Zeiten bestandenes Herkommen wieder auffrischenUnd allenfalls auch noch auf einige andere Dinge ausdehnen. Hätte der MinisterMarschall seinen Grundsatz, daß Nassau ein Agriculturstaat sei, wirklich begriffen, sowürde er die oben bezeichneten Gerechtsame der Bauern möglichst geschont und da-durch den conservativen Geist derselben gekräftigt haben. Statt dessen verfolgte manlenen verkehrtesten Gedanken bureaukratischer Verwaltungspolitik, welcher den Volks-wohlstand danach bemißt, daß möglichst hohe Einnahmeziffern auf dem Staatsbud-get sich präsentiren. Man schnitt den kleinen Bauern — und Nassau hat gar weniggroße — die zu ihrer Existenz nöthigen Gerechtsame ab, und erzielte dadurch aller-dings auf dem Papiere weit glänzendere Resultate einer sogenannten „geordneten"Verwaltung, worüber man aber vergaß, daß tausend kleine Leute verkamen und ver-darben, und der Keim der Unzufriedenheit durch die ganze ackerbautreibende Bevölke-rung des „Agriculturstaats" gesät wurde. Dazu kam noch ein weiterer Ruin des"andmanns durch „die übermäßige Hegung des Wildstandes. Der Bauer gelangteallmälig ju der Überzeugung, daß die Staatsverwaltung mit viel größerer Zärtlich-st für die Hirsche und Rehe sorge.als für ihn selbst. Der Anbau ganzer Gat-rungen von Feldfrüchten (z. B. der Olsaat) verschwand in manchen Gegenden, wo^ seit alten Tagen geherrscht, weil das Wild zuletzt derartige Lieblingskost gar nicht^khr aufkommen ließ. Daher kam es, daß sich nachher die wirklichen Gewaltthatender nassauischen Bewegung fast nur gegen den Wald und seine Bewohner richteten.

Am empfindlichsten fühlte sich jedoch der Bauer verletzt durch die im Gefolgeder bureaukratischen Centralisation eingeführte Gemeindeordnung. Er kümmerte sichfreilich blutwenig um theoretische Streitfragen über Verfassungseinrichtungen, aber^se Verfassungsreform war ihm doch zu rund, daß die Regierung den GemeindenMänner der Schreibstube, welche das Dorf und das Feld nie anders als auf Spa-iiergä'ngen gesehen hatten, zu Schultheißen, zu Vorstehern des ganzen Gemeindehauß-halts aufzwang. In seinen eigenen, engern Angelegenheiten ist der Bauer mistrauischUnd will daß man ihn gewähren lasse. Darum war es abermals kein Verfahren,welches mit jenem obersten Grundsätze vom „ackerbautreibenden" Lande im Einklangstand, wenn man jegliche innere Angelegenheit der Gemeindeverwaltung vom Er-wessen der Regierung abhängig machte, und wenn sich diese namentlich angelegenstin ließ, den Gemeinden fremde, besitzlose Leute trotz allen WiderstrebenS zur Auf-nahme in ihren Bürgerverband hineinzudecretiren.

So wurde gerade das Gegentheil von Dem erreicht, was man hatte erreichenwollen. Man hatte den Einfluß der bäuerlichen Bevölkerung hoch genug angeschla-gn; aber indem man darauf sann, in ihm eine Stütze des Regierungssystems zugwinnen, war man durch die verkehrten Mittel gerade in das Gegentheil verfallen,"o hatte von oben herab den früher so conservativen Bauernstand recht gründlichNterwühlt und unzufrieden gemacht.

b Ähnlich erging es mit den Beamten. Die Beamtenwelt erfreute sich einer soevorzugten Stellung, wie nur irgend möglich. Sie besaß in der öffentlichen Mei-^ ausschließliche Privilegium der Bildung und Intelligenz. Die Schreib-d Aristokratie hielt alle Abstufungen ihres Ranges eifersüchtiger aufrecht als selbstGeburtsadel. Mit einem altherkömmlichen, sehr charakteristischen Ausdrucke theilteuri^ ^ ganze gebildetere Gesellschaft in zwei große Schichten: in die „Dienerschaft"H die „Bürgerschaft". Die Dienerschaft, d. h. die Beamtenwelt würde ihrenang arg verletzt haben, wenn sie zu intim mit der Bürgerschaft verkehrt hätte.

18*