276 Nassaus politische und sociale Zustande.
Der größte Grundbesitzer, Kaufmann oder Jndustrieherr wurde, als zur Bürger-schaft gehörig, wol vom untersten Accesfisten über die Achsel angesehen. Die Diener-schaft zechte und tanzte nicht einmal gern mit der Bürgerschaft, und wenn ihre Toch-ter in dieselbe heiratheten, dann betrachtete man das als eine Art Misheirath. Die-ser Aristokratismus der Beamtenwelt ward bis zum Vorabend der Revolution mit-unter von den höhern Behörden den niedern sogar ausdrücklich eingeschärft. Nochim Frühjahre 1847 erschien eine Regierungsverordnung, welche der Dienerschaftziemlich unverblümt anempfahl, sich nicht zu viel unter andere Leute zu mengen, da-gegen ihren Dienstfrack und den seit einem Menschenalter in Vergessenheit gerathenenAmtsdegen fleißig anzulegen. Da fast alle die großen, einst so mächtigen alten Adels-geschlechter Nassaus theils ausgewandert, theils ausgestorben sind, oder sich ganz vonöffentlicher Wirksamkeit zurückgezogen haben, so bestand der Rahm der einflußreichenfeinen Gesellschaft in neuerer Zeit fast nur aus emporgekommenen Beamten odereinem von außen herbeigezogenen besitzlosen Hofadel. Die Dienerschaft behauptetenun solchergestalt fast allein das Feld, und fand darin um so größere Auffoderungzur Pflege kastenmäßiger Hoffart. Auch in diesen Zuständen glaubten die frühernMinisterien eine sichere Stütze des alten Regiments zu finden; und doch war dasEntgegengesetzte der Fall. Die aristokratische Gliederung der Dienerschaft^ erzeugteeinen je nach den Nangansprüchen nach unten hin sich abstufenden und" auf dergroßen Mehrzahl, nämlich auf den Subalternbeamten, am stärksten lastenden Despo-tismus. Dieser contrastirte dann um so schärfer mit jenem Amtsdünkel, den derEinzelne, und auch der Geringste, insichtrug. Hierzu trat noch der Umstand, daßdie niedern Beamten viel zu gering besoldet waren, dabei aber doch ihrem eingebilde-ten oder wirklichen Range entsprechende Ansprüche an das Leben stellten, wodurchsich ein förmliches Beamtenproletariat herausbildete. So erzeugte sich allma'lig inder Staatsdienerschaft eine sehr bedenkliche geheime Unzufriedenheit. Die Regierunghatte sich ganz erstaunlich gefürchtet vor dem Aufkommen einer selbständigen, unab-hängigen Intelligenz. Man hatte es nicht ungern gesehen, daß das Brotstudüunfür den Staatsdienst möglichst handwerkmäßig betrieben wurde; man hatte der BeaM-tenwelt alle möglichen Bevorzugungen eingeräumt, und doch auch hier nichts weite*erzielt als ein den ganzen Stand von unten herauf durchdringendes MisbehageN'Und wenn ganze Regimenter der von der alten Regierung so arg gefürchteten Pri-vatgelehrten und Literaten im Lande gewesen wären: der revolutionäre Gedanke desFrühjahrs 1848 hätte bei ihnen nicht rascher zünden können, als bei der in Schubdenmacherei oder bureaukratischem Mechanismus verkommenen Mehrzahl der Sub"alternbeamten.
Ein selbständiger Gewerbstand, ein eigentliches Bürgerthum existirte in Nafs^kaum; es hat auch früher nicht existirt. Schon durch das ganze Mittelalter erscheinNassau als ein verbauertes Land, dessen Bewohnerschaft, wie jetzt hauptsächlich aU§Bauern und Beamten, so damals hauptsächlich aus Bauern und Grafen, Rittesund Herren mit ihrem Gefolge zusammengesetzt war. Nur auf kurze Zeit blühte ^höhere Industrie vereinzelt auf, wie in Limburg und Herborn. Es fehlte dem LaH^an größern Städten. Von jenem kräftigen Bürgerthum, von jenem großartig org^nisirten Städtewesen, wie wir es z. B. schon in der ältern Geschichte des bena^harten Hessenlandes finden, zeigt sich darum in Nassau fast keine Spur. Dieger der vielen kleinen Städtchen trieben fast immer neben dem Gewerbe auchbau. Noch vor wenigen Jahrzehnden galt in Wiesbaden ein Sprüchwort:die Wiesbadener Bauern auf dem Felde sind, dann ist kein Bürger in der Stadt'Der Gewerbestand war seit dem Jahre 1816 in Nassau schlecht gefördert und du*^eine widersinnige Gewerbeordnung in seinem innersten Bestände gefährdet. Juristendenn studirte Finanzmänner und Kameralisten hielt man damals für einen demaggischen LuxuS — entschieden über die industriellen Angelegenheiten, von denen sie i" .Regel nichts verstanden. Es fehlte an großen Capitalien. Ein endlos verzwerg 7Borgsystem lahmte alle geschäftliche Regsamkeit. Durch Patentmeisterschaft, v