Band 
Fünfter Band.
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Nassaus politische und sociale Zustände. 277

rine in ein wahrhaft anarchisches Extrem entartete Gewerbefreiheit, durch die Ver-steigerung der öffentlichen Arbeiten an den Wenigstfodernden u. dgl. mehr, wareiner traurigen Pfuscherei Thür und Thor geöffnet. Vielleicht war in keinem TheileDeutschlands der Ruf nach Reform der Gewerbeverfassung eine so dringende undbegründete Volksfoderung als in Nassau. Es ist denn hier auch wirklich in denätzten Jahren viel gebessert worden und eine dem praktischen Bedürfnisse entsprechendereGewerbeordnung in Kraft getreten. Das Berg- und Hüttenwesen, der einzige grö-ßere Industriezweig des Landes, litt schwer unter dem Einflüsse ungünstiger Zollver-haltnisse. Wahrend durch Eisenbahnanlagen überall neue Weltstraßcn dem gewerb-lichen Verkehr sich öffneten, wurde Nassau in die Ecke geschoben, und was dem pro-buctenreichen Innern des Landes seit Jahrhunderten schon drückend gemangelt hat,das mangelt ihm heute noch — Absatzwege. Mit wahrhaft wunderbarer Kraft ent-wickelte sich seit Jahrzehnden der Eisenbergbau im Norden des Landes. Dies abergerade ist ein trauriges Wahrzeichen für die Jndustriezusta'nde Nassaus, daß von derungeheuern Masse der zutagegeförderten Erze nur ein verhälmißmäßig sehr be-scheidener Theil im Lande verarbeitet wurde. An der Lahn kann man sehen, wiedie Holzkohlen der nassauischen Wälder neben nassauischen Erzen den Fluß hinab-gehen, um preußischen Hüttenwerken das zweifache Material zu liefern, wahrend dieherrlichen Wassergefälle Nassaus überall zur Anlage von Eisenwerken einladen, wennnur Absatzwege vorhanden wären! Nassau ist ein classischer, historischer Boden fürdie Erzeugung des Roheisens, und schon in den frühesten Zeiten des Mittelalters^nn das geschmolzene Erz aus den Feueressen der „Waldschmieden" in seinen stillenMalern. Und jetzt mußten englische Gesellschaften den Versuch wagen, neue großeHüttenwerke hier anzulegen, weil es den Landesbewohnern an Capitalien und Unter-nehmungsgeist fehlte! Man nennt Nassau häufig ein reiches Land. Diese Ansicht^st dahin zu berichtigen, daß es seinen wunderbaren Naturschätzen nach freilich reichfein könnte und müßte, in der That aber — arm ist.

Das alte System hatte es verhindert, daß das gefürchtete eigentliche Fabriken-Proletariat aufkam; aber zum Ersatz dafür war der kleine Gewerbsmann, der Bauer,wie die große Mehrzahl der Beamten immer proletarischer geworden.

Der Domainenstreit und die vormarzlichen Ministerien; Vorboten der Bewegung auf politi-schem und kirchlichem Gebiete; Bewegungsmänner.

Das erste Anzeichen einer Störung des öffentlichen Vertrauens erfolgte kurzNach der Julirevolution. Es war die Streitfrage über das Eigenthumsrecht der Do-hnen, welche einen förmlichen Bruch in die Abgeordnetenkammer brachte. Dieuberale Majorität der Versammlung, da sie sah, daß ihre Opposition zu keinem Zielesnhren würde, trat aus; die nur aus Fünfen bestehende ministeriell gesinnte Mino-*ltä't aber blieb zurück. Diese sogenannte „Fünfmännerkammer" tagte allen constitu-tivnellen Grundbegriffen zum Höhne fort, verwilligte Steuern, und, half allerlei Ver-^jungen und Verkrüppelungen der Verfassung einführen. Die Übergriffe des Mi-^steriums haben damals keine Revolution hervorgerufen; aber sie ließen einen tiefenKachel in dem Herzen der Bevölkerung zurück. Die geheimnißvolle Domainenfrage,?^lche man unklugerweise in undurchdringliches Dunkel hüllte, war der böse Dä-o», welcher nachgehend- überall da spukte, wo irgend eine Unzufriedenheit sich luft-"'achen wollte.

aur Seit jener Katastrophe war die Öffentlichkeit der landständischen Versammlungenb^k.hvben, und zugleich der Credit des Landtags gründlich ruinirt. Der die Wähl-18-!^ bedingende^Census wurde so hoch gegriffen, daß nach der letzten Wahlliste vonvon ' "^er 28 Ämtern nur 8 waren, in welchen , sich die vorgeschriebene Anzahl12 Candidaten vorfand. Unter jenen 20 Ämtern aber befanden sich sogar

gan Elchen auch nicht ein einziger wahlfähiger Mann ansässig war, sodaß es im3ak/^ Herzogthum nur 73 Wahlcandidaten gab, und man sich genöthigt sah, dies«v durch unter dem Census gegriffene Ergänzungen noch einigermaßen zu erhöhen.