Band 
Fünfter Band.
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278 Nassaus politische und sociale Zustände.

Eine so außerordentliche Beschränkung der Wahlfreiheit bewirkte anfangs freilich nurDas, waS man gewünscht hatte, nämlich eine allgemeine Gleichgültigkeit gegen dieVolksvertretung. Erst am Vorabende der Revolution ward ein Motiv der Unz"'friedenheit daraus.

Dem Ministerium Marschall, welches das System der bureaukratischen Centra-lisation aufs strengste durchgeführt hatte, folgten die Ministerien Walderndorff undDüngern. ES waren das bloße Personenwechsel, keine Systemwechsel. In etwasverblaßter Copie wurden Marschall's Staatsmaximen von ihnen wiederholt. Nur derUnterschied machte sich bemerklich, daß Marschall eine in seiner Art geniale Persön-lichkeit gewesen war, und Männer von großer politischer Begabung, wie Jbell, ihmzur Seite gestanden hatten, während jetzt politische Nullitäten an die Reihe kamen.

Ein Anflug des Mistrauens wurde von außen her unter den BewohnernNassaus regegemacht, als Herzog Adolf sich mit einer russischen Prinzessin ver-mählte. Der verwandtschaftliche Einfluß des Petersburger Kaiserhofs auf so vieledeutsche Fürstenhäuser gab bei dieser Gelegenheit natürlich Veranlassung zu mancher-lei Hindeutungen in der deutschen Presse, und man zog wol gar eine naheliegendeParallele zwischen nassauischen und russischen Zuständen. So verwegene Dinge ge-druckt zu lesen, war für die friedlichen Bewohner des Taunus und Westerwaldesetwas ganz Neues und Überraschendes. Die persönliche Liebenswürdigkeit der russischenPrinzessin brach zwar den Eindruck; aber man gewöhnte sich von nun an erst, in denauswärtigen Blättern ämsig nach einer Kritik über nassauische Zustände zu forschen.

Jetzt folgten auch Schlag auf Schlag neue Anlässe für eine freilich noch gargelinde Aufregung. Zuerst auf religiösem Felde: der Deutschkatholicismus brachhervor. Er fand in Nassau vielfach günstige Aufnahme; denn katholische und pro-testantische Interessen kreuzten sich hier so schroff, auf kleinstem Gebiete, daß die Be-fehdung der einen Confession durch die andere mit günstigern Augen betrachtet wurde,als man sich selbst eingestchen mochte. Dazu kam andererseits ein kirchlicher Jndiffe-rentismus, welcher in einem Lande tiefe historische Wurzel getrieben haben mußte,dessen einzelne Striche im Verlause des ersten Jahrhunderts nach der Reformationoft drei bis vier mal den Glauben gewechselt hatten. Fast gleichzeitig war auch imRunkelschen, wo ein begüterter, an alter Sitte streng haftender Bauernschlag wohnt,das separatistische Altlutherthum ausgetreten und von der Bureaukratie befehdet wor-den, während dieselbe den Deutschkatholicismus leidlich gewähren ließ, und Ronge inPerson in der loyalen Residenzstadt Wiesbaden ein Stückchen von seinen Triumphenfeiern durste. Damit nun vollends die kirchliche Bewegung von allen Seiten inGang käme, regten sich jetzt auch die Katholiken. Von der specifisch protestantischenBureaukratie bei den Säcularisationen und der Verfassung von 1814 in ihren be-haupteten Gerechtsamen verletzt, und seitdem durch die bureaukratische Praxis nochweit mehr zurückgesetzt und gekränkt, wagten sie es jetzt, mit ihren Federungen lauthervorzutreten. Die Gründung eines katholischen Gymnasiums und ähnliche kleineZugeständnisse konnten ihren weitgreifenden Ansprüchen umsoweniger genügen, da ihrBekenntniß nahezu aus die Hälfte der Bevölkerung sich erstreckte. Endlich wardauch in dem Negierungssystem eine bedeutende Hinneigung zu Eichhorn's christlich"germanischem Staate bemerkbar, und der bisherige officielle Rationalismus wich einer"Anfinge von officieller Kirchlicbkeit. Man berief aus Preußen, Kurhessen und Ha""nover Beamte, namentlich zu den höhern Lehrerstellen, welche in diesem Geiste wirk'ten. Dadurch ward eine große Erbitterung in den inländischen Beamten hervor^"rufen. Die Diöciplinarbeaufsichtigung der Staatsdiener ward verschärft. Angl?"lichc Gemüther sahen eine Überwachung der Beamten nach kurhessischem Sch".^heranziehen. Das Accessistenproletariat, welches nachgehends in der Bewegungdie Rolle der wiener Aula spielen sollte, ward erschreckt und aufgebracht durch ver'doppelte Prüfungen. Die Offiziere fühlten sich gekränkt durch das Herbeiziehen vo"allerlei adeligen Jünglingen aus andern Ländern, die sich durch nichts Anderes voihnen auszeichneten als durch ihren aristokratischen Namen.