Nassaus politische und sociale Zustände.
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Rast, aller Einfluß bei dem Ministerium und der Regierung war durch verwandt-schaftliche Protektion allmälig in die Hände von zwei ausgebreiteten Familien überge-gangen, was sich der Volksmund sinnreich dadurch symbolisirte, daß er dieselben unterdem Namen des „großen und des kleinen Rattenkönigs" zusammenfaßte. Die Bu-reaukratie hatte es nicht dulden wollen, daß einer der großen wissenschaftlichen Con-gresse, welche damals in ganz Deutschland so freudig begrüßt wurden, nicht einmalder unschuldigste, die Versammlung der Forst- und Landwirthe, in Nassau eineZusammenkunft hielte. Sie ging darin weiter, als man selbst in Ostreich gegangenV>ar, und schien sich den Kirchenstaat zum Vorbild genommen zu haben. DochKehrte sie wenigstens das Abhalten großer Sängerfeste nicht, von denen das zu Weil-durg, wo die Anwesenheit des alten freisinnigen Ministers von Eagern so großen3ubel erregte, nicht ohne politische Beziehung ablief. Die Industriellen ärgerte dasMinisterium dadurch, daß es denselben nicht einmal die Erlaubniß zur Gründungeines List-Vereins ertheilte.
Von einer Zeitungspresse in Nassau wollte die Regierung durchaus nichts wissen,selbst das Ansuchen um die Concession zur Gründung eines strengconservativen, mi-nisteriellen Blattes wurde abgeschlagen. Seltsamerweise war dagegen die Büchereen-mr meist eine erstaunlich gelinde, weil man alles DaS für nicht gefährlich hielt, wasnicht gerade locale Angelegenheiten betraf. So geschah es, daß sogar eine Zeit langauswärtige Autoren und Verleger, namentlich preußische, Bücher in Nassau druckenließen, die anderwärts schwerlich das Imprimatur erlangt hätten. Es ist der Fallvorgekommen, daß von preußischer Seite Beschwerde hierüber erhoben wurde, und^6 man den Censor zur Verantwortung zog, stellte sich heraus, daß derselbe, ein2"er Beamter, die Hegel'sche Terminologie und den modern philosophischen Gedan-^ngang des Buchs gar nicht verstanden und keine Ahnung von dem Inhalt dessel-7^11 gehabt hatte. Die Leselust im Lande war in gleicher Weise wie die ganze wissen-Ichaftliche und politische Bildung eine erstaunlich geringe gewesen. Erst in der zweitenHalste der vierziger Jahre erwachte in wahrhaft rätselhafter Weise ein nie geahnterDrang nach Zeitungslecture. Wenn irgendwo, dann war es hier die Presse, undöwar die radicalste, welche den zündenden Funken für die spätere Bewegung brachte.^ müßte interessant sein, statistische Nachweise zu haben über den unglaublichen Um-Ichwung, welcher hier über Nacht im Zeitungödebit eintrat. Struve's „Deutscher^schauer", die „Manheimer Abendzeitung" und ähnliche Blätter wurden verschlun-gn. Sie fanden in Nassau eine höchst unerwartete und ausgedehnte Absatzquelle,^vd umsomehr, da sie plötzlich mit allerlei Berichten über nassauischen localen Scan-2 ?! ausgeschmückt erschienen, die früher Niemand im Lande zu schreiben gewagt hätte,politische Naivetät, von der Regierung selbst so sorgsam gepflegt, bewirkte nun.Man das manheimer Evangelium im treuesten Glauben hinnahm.
— Aber noch war Alles ganz patriarchalisch zugegangen, und alle die Plagen undimstande, von welchen wir geredet, wurden wie nothwendige Übel angesehen, dienach der Mangelhastigkeit der menschlichen Natur von selbst verstehen. Es fehlteAgitatoren, an Männern, welche das Misbehagen, das den Einzelnen drückte, zu^niem Misbehagen der ganzen Bevölkerung erweitert hätten: es fehlte an politischenf^?sönlichkeiten. Auch diese fanden sich endlich. Die letzten Landtagswahlen warenbanniger ausgefallen als seit langer Zeit. Männer, wie Hergenhahn, BertramLik> waren mit einer gemäßigten Opposition hervorgetreten, hatten mit den
Oralen anderer Kammern Verbindungen angeknüpft und so als selbständigere poli-Charaktere sich bcmerklichgemacht. An den Besprechungen deutscher Abgeord-bei^8> v)ie sie kurz vor der Revolution in Heppenheim und später im Gelben Hausetbeis- ^buheim stattfanden, hatten sich auch diese nassauischen Deputieren eifrig be-^mgt. Aber sie waren nichts weniger als Volksführer im engern Sinne des Worts,HU gehörten nicht zu jenen Persönlichkeiten, die durch den unmittelbaren Zauber ihres^ b'ens die Massen mit sich fortreißen: nur durch die Macht der Ereignisse wurdenan die Spitze der Bewegung gestellt. Dagegen wirkte in Weilburg an der Lahn