Band 
Fünfter Band.
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280 Nassaus politische und sociale Zustande.

ein merkwürdiger Mann, der manche Eigenschaften eines Volksführers in sich ver-einigte, vorbereitend für die Bewegung: der Conrector Fr. Schulz. Durch eine im-ponirende Erscheinung, eine gewaltige, die größten Massen und Räume beherrschendeStimme, Schwung und Fluß der Rede, wußte er zu blenden und zu begeistern.Schwärmerischen und phantastischen Sinns, voll frischer aber ungeordneter An-schauungen auS den weiten Reichen der Kunst und Literatur, hatte er besonders amdie Jugend seit Jahren schon einen mächtigen Einfluß geübt und einen freiern Bil-dungsgang unter den jüngern Staatsdienern nicht wenig verbreiten helfen. Abersein Charakter war zu biegsam, und in rascher Folge waren Männer aller Farbenvon Metternich bis herab zu den Vertretern des äußersten Liberalismus und Radi-calismus seine politischen Ideale gewesen. Andererseits trat seine wesentliche ästhe-tisch philologische Bildung in schneidenden Gegensatz zu dem Bestreben, in Wort undGedanke volksthümlich zu sein.

Diese Männer hatten in Schrift und Rede die Geister wecken helfen; und alsdie Bewegung durchbrach, fanden sich solchergestalt wenigstens einige Leute vor, geeig-net, an die Spitze zu treten.

Die Bauern - und Beamtenrevolution im März 1848.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie die Schläge der drei französischenRevolutionen jedesmal nicht nur mit gesteigerter Kraft, sondern auch mit gesteigerterSchnelligkeit Europa durchzitterten. Wozu es in den neunziger Jahren und bei derJulirevolution Wochen und Monate bedurft hatte, Das erfüllte sich jetzt in wenigenTagen. Der lavinenartige Fortschritt war es, welcher die jüngste Revolution haupt-sächlich furchtbar und unwiderstehlich machte. In wenigen Tagen hatte sich die pa-riser Bewegung nach Karlsruhe fortgepflanzt; in kaum zwei Tagen war sie wiederumvon hier nach Darmstadt und Wiesbaden übergesprungen. Bereits am 1. März1848 begann die Agitation in Wiesbaden; am 2. März ward schon eine Volksver-sammlung unter freiem Himmel abgehalten, und die Federungen der Nassauer wur-den formulirt. Bis dahin hatte die Sache ihren Verlauf genommen wie an denmeisten andern Orten, und was das Volk foderte, war wesentlich das Nämliche, wasman auch anderwärts vorgebracht hatte. Allein schon an diesem Tage gewann dasBild eine ganz eigenthümliche Färbung. Die Führer der Bewegung hatten Send-boten nach allen Richtungen ins Land geschickt, um nicht nur die politischen Nota-bilitäten, sondern auch die Massen, die Bauern, nach der Hauptstadt zu laden. Zahl'reicher, als man wol selbst gewünscht, fanden sich die Geladenen ein. Scharen amScharen zogen herbei, oft im wunderlichsten Aufzuge, meist noch ganz ungewiß übe*das Schauspiel, welches ihrer warten sollte, nicht mit Waffen gerüstet, destorneh*aber mit Mundvorrath, denn der Bauer fürchtete einen langen Aufenthalt in derStadt und dachte just nicht an Streiten und Fechten. Bis zum 4. März wäre"wol an 30000 Bauern in Wiesbaden versammelt, die in ihrer ungeheuern Meh^heit durchaus nicht wußten, zu welchem Zweck sie eigentlich herbeigekommen. 28^kümmerte die Bauern auch Preßfreiheit, Volksbewaffnung, ein deutsches Parl§"ment u. dgl. Da ihnen diest Foderungen jedenfalls sehr dunkel waren, so grifftdie Meisten die unzweifelhaft dunkelste unter denselben heraus, um daran dieSumme ihrer Hoffnungen und ihres Jubels zu knüpfen: die Foderung, daß ^Domainen zu StaatSeigenthum erklärt werden sollten.

Die Führer der Bewegung hatten diesen kitzlichen Punkt anfangs in der Sturn^Petition des Volks gar nicht erwähnt wissen wollen; aber sie wurden überstimmt^!Bewegung war ihnen also gleich von vornherein über den Kopf gewachsen. ^Bauersleute legten sich nun diese Erklärung der Domainen zu Staatseigenthummeist dahin aus, daß die großen Domanialgüter an die Einzelnen vertheilt werdsollten, daß namentlich die Wälder öffentliches Gemeingut würden, auf welchemnach Belieben Holz fällen und jagen dürfe. Viele plagten sich schon in den MTagen mit der Berechnung, wieviel die Dertheilung der Domainen aus den Ko?