Band 
Fünfter Band.
Seite
281
JPEG-Download
 

Naffauö politische und sociale Zustände. ' 281

Aol auswerfen dürste; und nachgehends kamen sogar manche Bauersleute in aller Un-schuld mit — Geldsäcken auf die Recepturkassen, um ihren Antheil an der Erklä-rung der Domaine zu Staatseigenthum gleich baar in Empfang zu nehmen!

Was sich aus dieser originellen Auffassung der Ma'rzerrungenschaften weiter ent-wickelte, werden wir später sehen. Vorerst genüge die Thatsache, daß die lockende^erspective auf die Domanialgüter die in Wiesbaden zusammengeströmten Bauernwit Jubel erfüllte, und sie mit Leib und Seele in die neue Bewegung hineinriß.

Inzwischen war der Sieg in der Hauptstadt doch so rasch nicht gewonnen. DerHerzog war abwesend. Das Ministerium erklärte sich nicht für befugt, über alle diegestellten Federungen ein festes Versprechen abzugeben. Dadurch erzeugte sich unter^.er stündlich stärker anschwellenden Volksmasse eine stets wachsende Gährung, dieÄngstlichste Spannung der Gemüther, welche vom 2. — 4. März anhielt, und jedenAugenblick Kampf und Verwirrung hervorzurufen drohte. Von Seiten der Behör-den und des Militairs war nicht an den mindesten Widerstand zu denken. So über-groß ihre Gewalt bisher gewesen war, so machtlos erschienen sie im ersten Augen-blicke der Gefahr; kein Mensch hatte sich Dessen versehen, und überhaupt ist vielleicht"irgend die revolutionaire Kraft des Volks so frisch und naturwüchsig hervorgebrochen"iö gerade in Nassau. Es war ein wahrhaft burschikoser Geist in diese Revolutions-^ünner gefahren, eben weil sie vor 24 Stunden fast allesammt noch politische Kin-der gewesen waren. Nur der Gedanke, daß der Herzog an der Spitze fremder Trup-pen zurückkehren und mit Waffengewalt der Erhebung ein Ende machen könnte, trübtedle freudentrunkene Begeisterung und führte zu allerlei schimpflichen Excessen gegen^.hülflose verwitwete Herzogin. Selbst der Bruder des Herzogs, der 16jährige^rinz Nikolaus, mußte sich persönlich unter die aufgeregten Massen begeben, und mitinner Mutter eine förmliche Bürgschaft leisten für die Erfüllung der Volksfoderungen.

Die Ablieferung der Gewehre an die neugeschaffene Bürgerwehr drohte in einenLeughaussturm auszuarten. Schon ließen sich damals jene fremden, abenteuerlichengestalten in Wiesbaden sehen, welche später, Zugvogeln gleich, von einem Herde desAufruhrs oder Krawalls zum andern eilten. Aber diesmal hatten sie noch nicht denRechten Boden gefunden. Als einige derselben eine naffauische Fahne herunterreißensollten, zeigte es sich, daß weder die Bürger noch die Bauern an Straßenfkandalgefallen fanden: sie vertheidigten die Fahne aufs äußerste, und schickten bei diesem^"laß das fremde Gesinde! tüchtig heim. Im Augenblicke der höchsten Noth erschienÜblich ^r Herzog. Alle Federungen wurden gewährt. Der Fürst entfaltete eine"ergie der Persönlichkeit, die man ihm nicht zugetraut hatte. Der gewaltige Um-

von der bangsten Erwartung zur freudigen Gewißheit, welcher sich an seinÜbliches Erscheinen knüpfte, war so mächtig, daß der Herzog den Nassauern noch

geraume Zeit schier als der erste Held der Revolution erschien, und sein Name

. ^Wals eine ähnliche Popularität genossen hatte, als zur selben Frist, wo die Sterneokr meisten andern Fürsten so ganz verblichen waren.

< Vielleicht ist nirgend die alte Ordnung so rasch und gründlich umgewurzelt wor-E" als damals in Nassau. Aber der Freudenrausch mag auch nirgend ausgelasse-den ^wesen sein, als hier in den Wochen des März. Namentlich hat man sich in

der Norddeutschen Staaten schwerlich einem so trunkenen Jubel über das Gelingen

elek . wegung hingegeben, wie es im deutschen Südwesten geschah. Gleich einemHaschen Funken hatte die Revolution gezündet: sie war Sache des Gefühls, derh^gEisterung geworden, nicht der Überlegung. Ohne Blutvergießen und heißen Kampf"mn das unerreichbar Geglaubte gewonnen, und man schwelgte, freilich nurZeit, in der poetischen Verzückung eines idealen öffentlichen Lebens. Derhaft der Bewegung, Procurator Hergenhahn, wurde ein Gegenstand wahr-

A abgöttischer Verehrung. In den ersten Tagen wäre ganz Nassau für ihn durchsTb/? gingen; aber auch nur in den ersten Tagen! Bei ihm konnte man in derPers" wie der Zauber des Moments Wunder wirkt. Ohne eine imposante

«onllchkeit, ohne sonderliche Gewalt der Rede, ohne jene Glut der Phantasie,