282
Nassaus politische und sociale Zustände.
die den wahren Volksmann unwiderstehlich macht, kurz ohne alles Das, was mansonst für daS nothwendige Attribut eines Agitators halt, wußte er, durch die Be-geisterung des Augenblicks emporgehoben, die stürmische Menge zu fesseln, anzuspor-nen, zurückzuhalten. Ein Gleiches ist ihm später niemals wieder gelungen; und wennman den Mann nachgehendS schwankend, unsicher, verwirrt angesichts der Öffent-lichkeit auftreten sah, dann konnte Niemand den Volksführer wieder erkennen, der inden drei entscheidenden Mä'rztagen die entfesselten Massen so ra'thselhaft beherrscht hatte.
Die Waldplündcrungen und Verwüstungen; summarische Reform der Gemeindeverfassung.
Nicht das Proletariat, denn ein solches existirte kaum, nicht der Bürgerstandwar es gewesen, welcher der Erhebung in Wiesbaden Nachdruck gegeben hatte: Dashatten hauptsächlich die aus dem ganzen Lande zusammengeströmten Bauern gethan.Der Anstoß war allerdings von Männern der Intelligenz ausgegangen, aber dieMassen des Landvolks waren die große Armee gewesen, welche die also angeregtenIdeen siegreich durchgefochten. Kein Wunder also, daß auch die Bewegung aMersten und mächtigsten auf das Landvolk zurückwirkte. Die Revolution der Bauernaber, die sich nach dem 4. März erst über das ganze Land auszubreiten begann,war keine politische, sondern eine rein ökonomische. Durchwanderte man zu selbigerZeit die großen nassauischen Forste, dann begegneten Einem ganze Scharen von Bauern,mit allerlei Waffen wunderlich ausgerüstet. Wie wenn ein altes Arsenal geplündertworden wäre, so erblickte man alle Arten inländischer und ausländischer Gewehre,alte verrostete Flinten, die vielleicht seit Urgroßvaters Zeiten auf dem Speicher ge-legen, Karabiner und Schlüsselbüchsen in ihren Händen, und sah oft so seltsameArten von Treibjagden anstellen, daß einem kunstgerechten Jäger, wenn sich nämlichdamals ein solcher in den Wald gewagt hätte, die Haare zu Berg gestanden habenwürden. Es galt der allgemeinen Jagdfreiheit, es galt einer großartigen Revolutiongegen jene alte nichtsnutzige Politik, welche das Wohl der Hirsche höher angeschlagenals das Wohl der Bauern, welche das Wild hegte, damit es die ungehegtcn Saatendes Landmanns hatte abfressen können.
Am 6. März war eine Amnestie ertheilt worden, kraft deren alle wegen Forst-,Jagd- und Feldpolizeivergehen verhängten Strafen erlassen, alle desfalls anhängigenUntersuchungen niedergeschlagen worden waren. Aus dieser Amnestie und aus derProklamation vom 4. März leitete der Bauer das Recht eines allgemeinen Verübgungskriegs gegen das Wild und einer völlig freien Benutzung der Wälder ab. U^einen guten Grund hierzu zu legen, hatte man in fast allen Dörfern vorerst dieFörster weggejagt. Die Behörden mußten Dies geschehen lassen, und wagten kein Eimschreiten dagegen.
Die Bauern ihrerseits glaubten auf ganz gesetzlichem Boden zu stehen, wen"sie die freie Jagd nicht nur gegen das Wild, sondern auch gegen die Forstbeamt^ausübten. Einen merkwürdigen Beleg dafür lieferte eine Petition, die von ein^westcrwälder Gemeinde an den Landtag gesandt wurde. Darin hieß es: der Forstshabe sich erkühnt, wildernde Gemeindebürger als Wilddiebe anzuzeigen. Daaber die Jagd frei, die Jagdpolizei hingegen verboten sei, so werde die Kammer ^sucht, den Förster als Frevler gegen das Forstgesetz bestrafen zu lassen.*) Obgle^nun eine Zeitlang oft ganze Gemeinden, statt in den Acker zu gehen, auf der 3§9lagen, so ward es doch bald klar, daß sie ihren Zweck nicht einmal erreichen konnteund vergebens den Jägern und den alten gelernten Wilddieben inS Handwerk pfu^ten. Denn trotz dieses von fast lauter Dilettanten geführten Vertilgungskrieges bmdie Zahl deS Wildes in den gebirgigen Gegenden noch so groß, daß später, bei nnder etwas geordneten Jagdverhältnissen, einige Gemeinden um die Erlaubniß nah
*) Wir entlehnen diesen'Zug einer kleinen Schrift, welche überhaupt an quellenhastenzelrügen aus der nassauischen Bauernbewegung ein großes Material bietet: „NassauischeNlk des IahreS 1848" von W. H. Riehl (Wiesbaden 1649).