Band 
Fünfter Band.
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284 Nassaus politische und sociale Zustände.

ihrer frühern Schützlinge anzunehmen, und die Absetzung derselben erfolgte überallauf eine ganze einfache und ergötzliche Weise. Die Bewegungsmänner aus der Ge-meinde zogen dem verhaßten Schultheißen ins Haus, nahmen ihm die Jnsignien sei*ner Würde, nämlich das Ortssiegel ab, trugen den sogenannten Gemeindeschram,der die ganze Registratur des kleinen Despoten enthielt, aus den eigenen Schulternaus dem Hause, und überbrachten Beides dem von ihnen erkorenen Nachfolger. Da-mit war der alte Schultheiß abgesetzt, der neue eingesetzt, und der Regierung bliebnichts übrig, als den wunderlich revolutionären Wahlmodus gutzuheißen, und bei denLeuten, die solchergestalt oft auf gar curiose Bedingungen hin gewählt worden waren/ein Auge zuzudrücken. So allgemein aber lastete der Groll der ganzen Bevölkerungauf dem alten Institut der Schultheißen, daß man nicht einmal den Namen mehrhören mochte, sondern dieselben in „Bürgermeister" umtaufte. Die frühere Ge-meindeverfassung war sactisch aufgehoben; die neue wurde erst nach einem halbenJahre vollendet. In der Zwischenzeit galt das LelfZovernment der Gemeindenim strengsten Sinne des Worts. Aber bezeichnend ist es für den gesunden Sinn desVolks, der sich wenigstens bei reinlocalen Angelegenheiten am sichersten bewährt,daß in dieser gemüthlichen Anarchie eigentliche Excesse sehr selten vorkamen. Über-haupt zeigte sich das nassauische Landvolk, nachdem es sich einmal Das genommenhatte, was ihm, wie es glaubte, von Gott und Rechtswegen zukam, in seiner gan-zen Gutmütigkeit. In der Zeit, wo schier der dritte Mann, welcher Einem in*Walde begegnete, ein armer Teufel war, mit Beil oder Flinte bewaffnet, hat mannicht mehr und nicht weniger von Raubanfällen gehört als sonst in den friedlichste"Zeiten. Erst später, als Nassau durch seine natürliche Lage der Sammelplatz sn*ganze Scharen fremden GesindelS wurde, welche sich durch die Nähe von Frankfurt,Rheinhessen und Baden herbeigezogen fühlten, trat eine auffallende Unsicherheit drlStraßen ein. Auch in der Verfolgung der Förster verfuhr man ebenso gutmüthig/wie bei der Absetzung der Schultheißen. Es ist vorgekommen, daß einsam gelegtForsthauser, deren Bewohner sich dem Machtspruche der Bauern nicht fügen wollten,mehre Tage lang von Hunderten handfester und wohlbewaffneter Männer förmlich be*lagert wurden. Die Belagerer hatten in einem ernstlichen Angriff das ganze Ha"demoliren können; sie begnügten sich aber, tagelang davor liegen zu bleiben, und durchstrenge Blockade den Insassen die gewünschten Zugeständnisse abzuzwingen.

Daß bei solchen Zuständen lange Zeit an eine geregelte Entrichtung dergaben und Steuern nicht zu denken war, versteht sich wol von selbst. Hätten d'Behörden auf eine Eintreibung derselben gedrungen, so würden sie, abgesehen vo"dem sichern Widerstände, sogar eine für den Augenblick höchst bedenkliche Streu"frage unter dem Landvolke praktisch gemacht haben. Viele Bauern glaubten nä^lich, daß nicht nur die Steuerzahlungen durch die Proclamation vom 4. März ^geschafft seien, sondern sogar auch die an öffentliche Kassen zu entrichtenden Pa^gelber u. dgl. Es liegen Eingaben ganzer Gemeinden an die Ständeversamnilu"bvor, worin über da- Letztere allen Ernstes eine förmliche Beweisführung versucht N)ls'Die Regierung, deren ganze Politik in diesen Zeitkäufen daS Gehenlassen war, .also auch hier eine gute Weile geschehen, was sie nicht ändern konnte. Dochbei dieser Gelegenheit folgende Thatsache als höchst charakteristisch für die StinM'U'der nassauer Bauern aufgezeichnet sein. Als der damals noch sehr gefeierte Volksm",Hergenhahn einen mit seinem Namen unterzeichneten Ausruf an die Landleute eru /worin er ihnen auseinandersetzte: daß die Steuern, trotz allen Errungenschaften, d"nicht abgeschafft seien, und man dieselben nach wie vor hübsch bezahlen möge,den die Bauern erst recht mistrauisch. Viele erklärten, dem Herzoge, welcherGrundbesitz im Lande habe und ihnen „sicher sei", hätten sie recht gern die Sttt"bezahlt; auf das Geheiß eines Mannes wie Hergenhahn aber, der ihnen durch ^Liegenschaften gutstehe, würden sie jetzt gerade gar nichts bezahlen. Man siehtaus, wie tief eine strengconservative, mit dem Bewußtsein eines festen Besitztinnig verknüpfte Gesinnung bei diesen Bauern immer noch Wurzel hatte.