Band 
Fünfter Band.
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Nassaus politische und sociale Zustände. 285

Regiment der revolutionairen Sicherheitsauöschüsse; das Ministerium Hergenhahn und

die Bureaukratie.

Die Macht der alten Regierung war gebrochen, eine neue noch nicht an ihreStelle getreten. Der vormärzliche Minister von Düngern beschrankte sich darauf, die^euen Machte des Volkslebens sich entwickeln und zu eigenthümlichen Bildungen kry-llallisiren zu lassen. Durch diese Politik des ruhigen Zusehens wäre der vor derRevolution als arger Neactionair angesehene Mann nach derselben beinahe populairgeworden. Doch erkannte man überall die Nothwendigkeit, daß er abtreten müsse»"ur über den Nachfolger konnten sich die Stimmen durchaus nicht einen. Zwarwar das Regierungscollegium durch einige jüngere und frischere Talente einigermaßen^formirt worden; allein die beiden einflußreichsten Männer in demselben zeigten sichDurchaus ungeeignet, die Bewegung mit starker Hand zu leiten. Der Eine, Präsi-^Nt Vollpracht, war gewiß ein Mann von den ausgedehntesten wissenschaftlichenKenntnissen und sehr ehrenhaftem Privatcharakter, aber energielos und schwankend,wo es einer entscheidenden That im öffentlichen Leben galt. Der Andere, Präsident^aht, begann von dem äußersten bureaukratischen Despotismus und Servilismusiuin entgegengesetzten Extrem, der Servilität gegen die Bauern, der Masse, über-öugehen, und konnte sich durch diesen plötzlichen Umschlag so wenig als durch seine^llzu bekannte bureaukratische Vergangenheit das Vertrauen der vernünftigen Mehr-ö^chl erwerben.

^ Es war daher die Regierung in dem ersten Monate der Revolution mehr durch^as, was sie nicht gethan, als durch wirkliche Thaten ausgezeichnet. Die altenaniniern waren noch in den Tagen der Bewegung durch Eilboten zusammenberufenworden. Sie erledigten rasch ein neues Wahlgesetz nach indirectem, aber durch kci-Census beschränktem Wahlmodus, und vereinigten sich mit der Regierung überle Auflösung der ersten Kammer (Herrenbank). Hierauf lösten sie sich selbst auf,Aohl wissend, daß das Vertrauen des Volks längst von ihnen gewichen sei. Ein^reßgesetz, welches in seiner lakonischen Kürze die völlige Unbekanntschaft der Gesetz-ter mit den Verhältnissen der Presse, namentlich der periodischen, genügend bekun-de, ward möglichst rasch erlassen; denn die thatsächliche Selbstbefreiung der PresseCensur und Concessionen war den Gesetzgebern längst zuvorgekommen. In dentsten Tagen der Bewegung hatte man bereits die ersten nassauischen Zeitungen ge-luckt, ohne lange zu fragen, ob dies erlaubt sei oder nicht.

^ Da die bisher so übermächtig eingreifende Regierungsgewalt plötzlich wie durch^uber verschwunden, so war es ganz natürlich, daß sich eine revolutionäre Macht" deren Stelle setzte. Dies geschah auf eine ganz originelle Weise durch die soge-nannten Sicherheitsausschüsse. Vielleicht hat sich in keinem andern Staate Deutsch-eine so echt revolutionaire Institution so rasch eingebürgert und durchs ganzeorganisirt, wie in Nassau diese merkwürdigen Ausschüsse. Wäre wirklich der^?ist des Umsturzes im Lande herrschend gewesen, so hätte er durch diese Ausschüsse^ 3iel sicher erreichen müssen. Zn jedem Dorfe bestand ein solcher, wie ihn imh "rrir unh Drang der ersten Aufregung das Spiel des Zufalls zusammengesetztbor*?' Sämmtliche Sicherheitsausschüsse im Lande standen aber wiederum in Rap-y ^iit dem Centralausschuß zu Wiesbaden. Anfangs hatten sich die AusschüsseH * die Aufrechthaltung der Ordnung und die Sicherung der Errungenschaften zurgestellt. Da aber die Behörden that- und rathlos blieben, so spielte sichschüir^ von selbst eine förmliche Regierungsgewalt in die Hände der Sicherheitsaus-bor - Die Verführung lag nahe, daß man zugriff und die Gewalt, die sich dar-schüss^ alkr Form festhielt. Die große Masse des Volks würde hinter den Aus-Eeine " ^standen haben; die Regierung selbst hatte dieselben als gesetzlich anerkannt;das ^alutionaire Propaganda hätte das Netz dieser Ausschüsse vollkommener überfrlbr?^* Land ausbreiten können. Man brauchte also nur zu nehmen, was sich vondarbot; allein man griff nicht zu.

^as Volk hatte sich in kurzer Frist so ganz daran gewöhnt, die Sicherheit-