Band 
Fünfter Band.
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286 Nassaus politische und sociale Zustände.

ausschüffe als seine einzige verwaltende Behörde zu betrachten, daß jeder Einzelnedie mannichfaltigsten Wünsche und Beschwerden vor dieselben brachte. Sogar Ge*suche um Heirathserlaubniß und ähnliche Dinge wurden bei den Ausschüssen angk"bracht. Die äußere Macht der Ausschüsse bewährte sich, als unter den rheingauische"Bauern ein förmlicher Aufruhr wegen des dem Fürsten Metternich gehörendenSchlosses Johannisberg auszubrechen drohte. Der Fürst hatte es nämlich bequemgefunden, seit dem Tage, wo ihm dieses herrliche Besihthum durch den Wiener Comgreß geschenkt worden, keine Steuern von demselben zu entrichten. Die nassauisch^Regierung hatte mehrmals schüchtern gemahnt und, als diese Mahnungen bei dem böse"Schuldner vergeblich geblieben, die Rechtsfrage der Steuerpflicht auf diplomatischem Wegelang und breit zu erörtern gesucht. Statt nun, da auch dies ohne Erfolg blieb, i"gesetzlicher Weise auf dem Wege des Zugriffs die gerechte Foderung der Steuerkassezu befriedigen, war man so schwach gewesen, aus der Domainenkasse des eigene"Landes die Steuerrückstände vorzustrecken. Ein solches Verfahren, welches die Ohmmacht der Kleinstaaten gegenüber dem allmächtigen Willen eines Metternich ins glä'mzendste Licht setzte, konnte natürlich nicht lange verborgen bleiben, und rief dierechte Erbitterung aller Freunde der Gleichheit vor dem Gesetz hervor. Was Wn"'der, daß den rheingauischen Bauern der Gedanke kam, jetzt, wo Zeit und Umstandgünstig waren, selbst den von der Regierung versäumten Zugriff auszuführen,zur Entschädigung für die auf viele Tausende angelaufenen Steuerrückstände dakSchloß sammt seinen köstlichen Weinen in Besitz zu nehmen! So drohte eine form'liche Belagerung des Schlosses, und die Gefährdung der in demselben geborgene"großen Werthe war nicht gering. Aber trotz der Aufregung der ganzen Gege",^gelang es den Abgeordneten deS Wiesbadener Sicherheitsausschusses, im Verein riwden Ausschüssen der um den Johannisberg gelegenen Ortschaften, die drohende Mengtfernzuhalten, die Weine unter Siegel zu legen, und durch Verhüllung des Mettennich'schen Wappens mit einer deutschen und einer naffauischen Fahne die Geba'ulich'keiten vor jeder Beschädigung zu schützen.

Bei der Machtlosigkeit der Behörden, die sich durch solche Vorfälle recht de"^lieh kundgab, war es natürlich, daß die untergeordneten Beamten, die bisher inschulmeisterlicher Weise von ihren Vorgesetzten überwacht und in Zucht gehaltenden, sich gleichfalls zu emancipircn suchten. Nassau hatte keinen einflußreichenvocatenstand; und so geschah es, daß namentlich die jüngern Beamten die M"*übernahmen, welche die Advocaten in andern Ländern spielten. Waren die Beaint^doch fast allein die Träger einer höhern wissenschaftlichen Intelligenz! Sie begrifl^auch ihren Vortheil ganz gut, indem sie sich zuerst agitirend an die Bauern wa"^ten. Da sich aber dieselben bereits fast Alles, was ihr Herz begehrte, genom"^hatten, so blieb für diese Agitation nur ein sehr kleines Feld übrig. Es botfast nur die Zehntfrage dar, und diese ward nun auch von jungen Geistlichen, Sch"lehrern und Accessisten aufgegriffen, um einen neuen Funken der Bewegungdas Landvolk zu werfen. Bekanntlich war Nassau schon sehr früh vorangeschr^mit einem billigen Zehntablösungsgesetze. Die Bauern waren durchschnittlich zustiegdabei, und die alte Regierung that sich darauf nicht wenig zu gut, als auf eine ^rer populärsten Maßregeln. Um hier noch einen Schritt weiterzugehen, blieb .§Agitatoren nur übrig, die unentgeltliche Befreiung vom Zehnten zu verheißen. Er-schlug trefflich an; ein neuer Stoff der Gährung war unter die Landleute ^fen: die Zehntverheißungen begannen insbesondere bei den Wahlbewegungen eineRolle zu spielen. Welchen Einfluß die Beamten rasch auf das Landvolk gema"" ,sah man namentlich in der weilburger Gegend, wo Conrector Schulz durchReden in Volksversammlungen die Bauern dergestalt ansichfeffelte, daß aus ^Zeitlang kaum ein Streit in der Umgegend anders geschlichtet werden konntedurch ihn. Es ist ein charakteristischer Zug, wenn wir sehen, wie der gelehrtenasialprofessor aus seinen Lehrstunden geholt und auf einem Bauerwagen hin