288 Nassaus politische und sociale Zustände.
nicht Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem Bein, zur höchsten Stelle imStaatsdienste erhoben wurde: die Beamtenkaste dachte hierin trotz ihres neuen Libe-ralismus so ausschließlich, wie irgend nur die reactionairste Aristokratie. Es lag —freilich von ganz anderm Standpunkte gefaßt — allerdings etwas Richtiges in ihrerSchlußfolgerung. ES wäre wol besser gewesen, wenn der neue Minister eine Weiledas Treiben der Bureaukratie mitgelebt hatte, um es nachher desto gründlicher aus-fegen zu können. Es fehlte ihm sogar mitunter die technische Geschäftskenntniß, under mußte viel zu oft mit fremden Augen sehen.
Derselbe Mann, welcher als Volksführer nach allen Seiten hin begeistert hatte,befriedigte als Minister kaum nach einer einzigen hin. Nur die principiellen Poli-tiker hielten zu ihm, weil es ihnen consequent erschien, daß der Führer einer siegrei-chen Bewegung die Stelle des gestürzten Ministeriums einnehmen müsse, und weilsie in Hergenhahn den aufrichtigen Vertreter eines freisinnigen Constitutionalismuserblickten. Aber gerade die principiellen Politiker gelten in aufgeregten Zeiten amwenigsten, und so stand dieses Ministerium auf äußerst schwankenden Füßen. Dazukam noch die persönliche Unentschlossenheit Hergenhahn's, der geraumer Zeit bedurfte,bis er inneward, daß die Demokratie von dem Augenblicke an, wo er zum Ministerernannt worden, vollständig mit ihm gebrochen hatte. Es hielt ihm gar schwer ein-zusehen, daß der Minister nicht mehr der vergötterte Volksmann sei, welcher in denstürmischen Tagen die Massen an seinen Wink gefesselt hatte. Und jemehr er all-mä'lig zu dieser Einsicht kam, destomehr bot er das Bild eines geknickten, gebroche-nen Mannes.
Die Beamtenopposition brachte einen wahrhaft ergötzlichen politischen Dilettan-tismus in die Kammer, gegen welchen selbst die gewiegteste Staatsweisheit nichts aus-gerichtet haben würde. Jetzt sollte es sich rächen, daß das alte Regiment jede selb-ständige Intelligenz, jede Spur einer freien Wissenschaftlichkeit so lange und erfolgreichaus Nassau ferngehalten. Die gesetzgeberische Wirksamkeit der nassauischen Kammerrief unwillkürlich die Frage hervor, ob ein solcher Staat überhaupt zu existiren be-rechtigt sei, dessen ganze Summe politischer Einsicht sich auf ein so kleines Capitalbeschränkt, wie es in dieser freigewählten Volksvertretung dargelegt erschien, die nichtselten heute Gesetze gab,„um sie morgen wieder aufzuheben. Verglich man in diesesBetracht Nassau mit Östreich, wo doch auch die politische und freiwissenschaftlicheBildung hinreichend unterdrückt worden war, dann konnte man sehen, wie sich ^einem großen Staate doch immer noch ein hinreichender Rest geistiger Schöpfung^kraft bewahrt, der bei aller Verwirrung wenigstens auf eine Zukunft deuten kan^während in einem Kleinstaate fast nichts als Impotenz und Armseligkeit übrigbleibt'
Während so die Bauern und die Beamten den revolutionären Gedanken weitesbildeten, verhielten sich die Gewerbsleute, der Bürgerstand im engern Sinne,ganz passiv: dieser Stand bildete so ein natürliches Gegengewicht gegen oiegung. Dies erscheint um so auffallender, da der Gewerbstand in Nassau am all^meisten Anlaß gehabt hätte, revolutionär zu sein, denn seine Interessen warender vormärzlichen Regierung am wenigsten gewahrt, sein Ruin war du ch diekehrten Maßregeln hauptsächlich herbeigeführt worden. Aber der Gewerbstano ^in Nassau viel zu schwach vertreten, viel zu sehr in sich selbst zersplittert, viel ^wenig zum Selbstbewußtsein gekommen, als daß er eine revolutionaire Macht ^werden können. Ein ganz eigenthümliches Schauspiel gewährte es, daß in den ^gen der leidenschaftlichsten Aufregung die Bürger Wiesbadens und anderer Sta .in großen öffentlichen Versammlungen zusammenkamen, nicht um, wie es ander^ageschah, über Fragen der großen Politik zu kannegießern, sondern um über die ^schränkung der Gewerbefreiheit, über Einführung eines neuen Gewerbegesetzes ^einer mehr zünftigen Gewerbeordnung ganz nüchterne Gedanken Tag für Tag §zutauschen.