Band 
Fünfter Band.
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Nassaus politische und sociale Zustände. 289

Politische Parteien; misglückter Versuch, die sociale Bewegung auf das politische Feld überzuleiten.

Wir fanden bis hierher, daß die Motive der nassauischen Bewegung nicht so-wol politischer als socialer Natur waren. Es bereitete sich jedoch allmalig auch einPolitischer Gärungsstoff vor. Eine Scheidung der Parteien begann bald nach denMärzereignissen einzutreten, mehr durch Anstoß Hon außen als von innen heraus.Namentlich erwies hier die Nähe Frankfurts ihre magische Wirkungskraft. Wassteh dort ereignete, das drang im raschesten Flug, und also auch mit dem vollen un-mittelbaren Eindruck der frischen That nach Nassau herüber. Dies zeigte sich schonbei dem Vorparlament. Diese denkwürdige Versammlung war recht eigentlich die erstePolitische Schule für Nassau. Fast alle Wortführer des aufgeregten Landes warenNach Frankfurt geströmt, und brachten von dort neue Anschauungen, namentlich aberradicalerseits den Entschluß zur That mit. Die moralische Wirkung des Vorparla-ments auf die zunächst um Frankfurt gruppirten Länderstrecken war eine ungeheure.Während anderwärts der erste Anstoß der Bewegung politischer Natur gewesen, underst im Austausche der Ideen der tiefe sociale Grund derselben zum Bewußtsein kam,wurde in Nassau durch die neuen parlamentarischen Eindrücke erst der Übergangvorn socialen Element zum politischen angebahnt. Etliche und zwanzig Abgeordneteaus dem kleinen Lande saßen im Vorparlamente, und es mag, als für die Entste-hungsgeschichte dieser Versammlung bezeichnend, bemerkt werden, daß jene Zwanzigkeineswegs sammt und sonders ein Mandat hatten, oder gar publicistische Celebrita'tengewesen wären. Mancher ging eben hin auf gut Glück, und sah zu, wie er hinein-kam, was auch oft genug gelang. So geschah es, daß aus den umliegenden Ge-genden so viele und großentheils etwas dunkle Größen an der sehr zweifelhaftenVertretung des deutschen Volks theilnahmen.

Das Vorparlament warf den zündenden Funken der politischen ParteibildungM das nassauer Land. Hierbei aber sah man bald, wie wenig das politische Leben^lassaus zu einer Parteibildung reif war, und wie ungünstig überhaupt die klein-staatuchen Verhältnisse einer würdigen Entfaltung politischer Gegensätze sind. Schonrm Anfange April 1848 trat eine „Republikanische Gesellschaft" in Wiesbaden miteinem radicalen Programm hervor, welche- auf das bekannte Rechenexempel ge-gründet war. Diese Manifestation ging aber keineswegs von den Elementen aus,welche den eigentlichen Kern der Bewegung gebildet hatten; nicht die beiden Mächtever Bauerschaft oder des Beamtenstandes standen an der Spitze, sondern einige ver-^Mrrrene Heute. Unter Diesen befand sich der nachher so bekannt gewordene alte^oning — ein phantastischer, gemüthvoller Mann von 60 Jahren mit weißem"Oarte und einer körperlichen Jugendsrische, welche ihn später alle Strapahen deS^bischen Revolutionskampfes gleich dem Jüngsten aushalten ließ, dabei aber bildung-verworren, und ohne Plan in seinem ehrgeizigen Streben. Gekränkter EhrgeizAtte dietzn wunderlichen Alten, dessen gespenstiges Äußere noch vor dem rastadterKriegsgericht und auf dem Richtplatz wie eine mythische Figur wirkte, an die SpitzeN*r republikanischen Demonstration getrieben. Aber schon im Momente des ersten^uftauch^s zeigte es sich, daß eine solche Bewegung gar keine Wurzel im VolkeA^te/ Die constitutionell-monarchische Partei raffte sich zusammen, schleuderte ihre Mifest gegen das republikanische, Zustimmungsadressen aus dem ganzen Lande er-h?Een, und — damit war die Sache nach beiden Seiten hin verpufft. Schon dies^Eche Eifersucht, welche sich an jede Persönlichkeit, an jeden politischen Vereinjek ^^ete, machte eine ordentliche Parteibildung unmöglich. Dagegen zeigte sichgerade die Nichtsnutzigkeit des kleinstaatlichen Lebens in der gründlichen Ausbil-det Eiu.es auf die Individuen und ihre Privatverhältnisse gerichteten Parteihasses,^ allmalig in einen förmlichen Guerrillaskrieg der politischen Leidenschaft ausartete,va^ Republikaner entzog dem monarchischen Schuster seine Kundschaft; der Conser-lent seinen Schoppen nicht mehr an einem Tisch trinken mit dem Radica-

^ der Demokrat würde dem Aristokraten nie und nimmer seine Tochter zur EheDie Gegenwart. V. 19