31V Schleswig-Holstein seit seiner Erhebung im Jahre 1848.
sich anzuschließen, das in völliger Auflösung begriffen sei. Dennoch ward der An-trag, den die provisorische Regierung beim Bundestage schon gestellt, gegen zwerStimmen angenommen. So schloß die erste Sitzung.
Von Aufregung und Streit keine Spur! Es war in dieser Versammlung,als ob man über die einfachsten Dinge von der Welt spreche. Die zweite Sitzungfand an demselben Tage, Nachmittags 5 Uhr, statt. Den Mittelpunkt dieser Sitzungbildete die Debatte über den Antrag des Negierungscommifsars: „daß von derSta'ndeversammlung ein Ausschuß aus ihrer Mitte gewählt werde, um eine schles-wig-holsteinische Verfassung und ein freies Wahlgesetz zu entwerfen." Dagegen tratnamentlich Claussen auf und foderte: daß nur ein Ausschuß für ein neues Wahlge-setz niedergesetzt werde, damit das Volk bei der Berathung der Verfassung im vollenUmfange vertreten sei. Zum ersten mal berührten sich hier in der Versammlung dieGegensatze. Die Richtung der großen Grundbesitzer war im Grunde sehr entschiedengegen die Herstellung eines neuen Wahlgesetzes. Die Majorität hätte offenbar gerndie ganze Sache beseitigt unter den Hinweis auf die Nothwendigkeit des Kampfesnach außen; allein die Nothwendigkeit der Sache, die Beispiele des ribrigen Europa,der Druck der öffentlichen Meinung waren doch zu groß. Endlich ward ClaussensAntrag: daß die Regierung ersucht werden solle, baldigst der Sta'ndeversammlungeinen Entwurf zu einem freien Wahlgesetz vorlegen zu lassen, mit 73 Stimmen an-genommen. Es mochte dies entschieden ein Sieg des freiern Princips sein, aber einsehr zweifelhafter. Denn vor allen Dingen war dadurch die ganze Sache in dieHände der Regierung gelegt, und mithin indirekt den Einflüssen anheimgegeben, unterdenen diese selbst stand. In jedem andern Lande wäre dies von anderer Bedeutunggewesen als in Schleswig-Holstein. Es konnte jeden Tag Schleswig von den Da'*nen eingenommen, und dadurch die ganze Vornahme vereitelt werden: es kam Allesauf die rasche Energie der provisorischen Regierung an. Trat Frieden ein, ehe dasWahlgesetz gegeben und eine neue schleswig-holsteinische Kammer berufen worden, stwar jenes Schleöwig-Holstein nicht einmal eine Thatsache, viel weniger ein Rechts*körper. Das Land hatte in diesem Falle kein selbständiges Organ. Die altenStände mußten dann noch einmal zusammenkommen, und Alles, was man gehofftund gefodert hatte, war in Frage gestellt. Indessen stand der Antrag da, und dieprovisorische Regierung hatte das Schicksal des Landes in Händen. Die folgendenbeiden Sitzungen waren von geringem Interesse. Am 4. Apr., in der dritten Sitzung,bewilligte man die bisherige Steuererhebung der provisorischen Regierung; zugleichwurden alle von ihr bis dahin erlassenen provisorischen Gesetze genehmigt, und einigtneue Verfügungen erlassen, die eine Erleichterung der Lasten des Arbeiter- und Tagt*löhnerstandes enthielten. In der vierten Sitzung, am 5. Apr., ward die VersanuN*lung vertagt.
In der Ächat hatte die Versammlung auch wenig mehr zu thun. Durch dieErklärung, daß ein neues Wahlgesetz nöthig, hatte sie sich ihr eigenes Mandat gekiin*digt; indem sie die Vorlage desselben ganz der Regierung überließ, hatte sie siAaller selbständigen Gewalt entäußert. Jetzt konnte die provisorische Regierung 5^als souveraine Herrin der Herzogthümer ansehen: auf ihr ruhte alle Macht, freilichauch alle Verantwortlichkeit. Aber es war klar geworden aus den kurzen Verhauslungen dieser Stände, daß dieselben durchaus nicht den Willen besaßen, selbstthä^einzugreifen; daß sie aus Furcht vor der Demokratie um jeden Preis, selbst um ^der äußersten Gefahr der Herzogthümer, die Regierung halten wollten; daß endllcyjeder Versuch, die Regierung zu dem so nothwendigen Handeln zu bewegen, ^ihnen auf das entschiedenste bekämpft werden würde. Man durfte sich darüber auwkeineswegs verwundern, da diese Stände, auf einen ziemlich hohen Census und aMwirklichen Grundbesitz gebaut und ständisch geschieden, durchaus nur das conservatwElement vertreten konnten und vertraten. Aber es war ein großer Nachtheil für ^Herzogthümer, der sich freilich erst später zeigen sollte.
Denn während nun die Preußen erst unterhandelten, und endlich gegen