384 Staat und Stadt Frankfurt.
Die Lage des Vorparlaments, des Funfzigerausschusses und der Nationalversammlung,
bis zum Septemberaufstande.
Mittlerweile waren wackere Männer beschäftigt, die chaotischen Zustande zu einerGestaltung im Sinne der Neuzeit zu ordnen. Die Anzeigen dieser patrotischenDeutschen, welche zu Heppenheim und Heidelberg die Zusammenkunft des Vorparla-ments vorbereitet, erhöhten die Hoffnungen Aller, und brachten jede Partei zu der Er-kenntniß, daß sie alle Thätigkeit aufbieten und einem gemeinschaftlichen Ziele zuarbei-ten müsse. Es gä'hrte und brauste überall; die kaum errungene Preßfreiheit wurdedurch Katzenmusiken und gewaltsame Angriffe auf Organe der Presse verkümmert.Die Handwerker, die Arbeiter, die Turner hielten Versammlungen; die Landbewoh-ner verlangten stürmisch die ihnen noch vorenthaltenen Rechte; im Wolsseck und anandern Orten waren Abends Zusammenkünfte. Der Bundestag machte Concessionenund berief, in bitterer aber richtiger Selbsterkenntniß, Vertrauensmänner; die städti-schen obrigkeitlichen Behörden gestatteten das Versammlungs- und Vereinsrecht; derGesetzgebende Körper deputirte 10 seiner Mitglieder (worunter drei aus dem Senate)zu dem Vorparlamente. Die angesehensten Bürger drängten sich, belobende Adressenan die Wiener und Berliner zu unterzeichnen. Um während der Sitzung der deut-schen Notabeln die Ruhe auf bürgerliche Weise zu erhalten, wurden die geachtetsteNEinwohner der Stadt aufgefodert als Ordner zu sungiren, und die Stadtwehr stelltsich, man kann sagen, freiwillig unter ihre Leitung. Doch waren Excesse nicht iw-mer zu vermeiden. Auf das Gerücht, Fürst Metternich sei in der Stadt und heimlichbeim Grafen Nobili abgestiegen, trieb der Mob Unfug vor und in dem Hause diesigLetztem, sowie vor den Häusern mehrer als unvolksthümlich verschriener BürgetAn eben dem Tage (28. März), wo die Menge Jordan's und anderer beliebt^Abgeordneten Einzug mit unbeschreiblichem Jubel feierte, wurden dem Grasen DAHof, gegen welchen persönlich durchaus keine Abneigung herrschte, gleichsam symbolischdie Fensterscheiben eingeschlagen.
Trotz dieser widerlichen Mistöne aber war die Stimmung im Allgemeinen ei^feierliche, gehobene. Das Gefühl, daß die Zukunft des Vaterlandes von der Er^scheidung der nächsten Tage abhänge, gab dem Einzelnen einen Schwung, eine ^geisterung, die Jedem unvergeßlich bleiben wird, der sich damals in Frankfurt befa^'Es ist in allen Tagblättern zu lesen, wie die deutschen Farben von allen Häust^flaggten, wie überall Ehrenpforten errichtet, Blumenkränze geflochten waren, welcher 3^bel den Einziehenden aus den in allen Straßen dichtgedrängten Massen entgegentönt^aber man muß damals in Frankfurt gewesen sein, um sich das Walten des frisch^Geistes, der, wie der Frühling selbst, unter allen Stürmen mild und belebend hervodrang, recht anschaulich machen zu können. Alle Geister waren rege, alle Gefuh'in Einem Brennpunkt vereinigt; man lebte auf in neuer Hoffnung, und dienisse, die man empfand, steigerten den Muth, die Kraft und die Hingebung für dVaterland.
Aber die Besorgnisse waren groß und nur zu begründet. Eine am 26. Anicht sowol in ultrarevolutionairem Sinne gehaltene, als durch deren Leiter i*" Öl-druck ihrer Beschlüsse dahin verfälschte Volksversammlung in Heidelberg hattereiche Zuzügler nach Frankfurt gesandt; von Strasburg her wurden deren nochund noch gefährlichere erwartet. Der das Vorparlament vorbereitende Siebeneraschuß hatte aussprechen müssen, daß der Zuzug Bewaffneter nach Frankfurt Friedbruch, also Hochverrath an der Nation sein würde. Am 30. März waren inbaden wol 100 Personen in die Generalversammlung der Actionaire der Tcru ^bahn eingestürmt, und hatten das glücklicherweise mit Festigkeit zurückgewiesene ri«Verlangen gestellt: für die nächsten Tage Gratisfahrten nach Frankfurt anzuoro^In den Gasthöfen, im Schwanen und besonders im Weidenbusch, woHecker perorirten, wurde die Frage: ob Republik, ob Monarchie, mit der Leide > sichverhandelt, welche die Erregung des Augenblicks erzeugte; die Mehrzahl spr