392 Staat und Stadt Frankfurt.
jener Verhandlungen und Beschlüsse außerhalb der Raume der Paulskirche entwickel-ten. Am 16. Sept., in später Abendstunde, bei dunklem Hause, nach erschütterndenDebatten, bei namentlichem Aufrufe, mit einem Mehr von 21 Stimmen, ward end-lich ein von den schleswig-holsteinischen Abgeordneten selbst eingebrachter Antrag amgenommen, der den Waffenstillstand zwar nicht genehmigte, aber doch bestehen ließ-Das war gewiß niederschlagend; aber wie einmal die Sachen lagen, war ein andersResultat fast nicht zu erwarten. Nicht nur die Nationalversammlung, sondern dieganzen deutschen Verhältnisse mußten anders geartet sein, wenn die Versammlungund die Centralgewalt den Waffenstillstand umstoßen und den offenen Kampf geg^"Preußen, ja gegen die europäischen Mächte ernstlich hätten aufnehmen sollen. *) ^urtheilten die Besonnenen, anders die leidenschaftlich Aufgeregten, anders vor Alle"der blindlings schäumende Radicalismus.
Nach 8 Uhr verkündete der Präsident der Versammlung das Resultat der Absti^mung. Die PaulSkirche rauschte auf in herz- und ohrzerreißendem Toben, in dersammlung, in den untern Räumen, auf der Galerie. Unter dem Lärm federten Unheilliche Gestalten nach der Stadtallee zu einer Volksberathung auf; die das Haus verlasse^den Abgeordneten der Majorität, in der Verwirrung auch die der Minorität, wurde"verhöhnt, beschimpft, in die Flucht getrieben. Die Westendhall, der Versammlung^ort der gemäßigten Linken, wurde vandalisch verheert; der Haufe, der von der Stadl'allee dahin gezogen war, suchte dort den.alten Turnvater Iahn, der sich nurLebensgefahr den Nachstellungen entzog. Ähnliche Verwüstungen wurden amlischen Hofe begangen, wo auf Heckscher gefahndet ward, der am verhängnißvotle"18. Sept. in Höchst dem Tode wie durch ein Wunder entging. Das Halloh dewilden Jägers ging durch die Stadt, Gesetz und Obrigkeit waren ohnmächtig, bzelne Vorsteher der frankfurter Clubs (mit Ausnahme des Deutschen Vereins;Vorstände des Montagskränzchen hatten sich einzelne Mitglieder bereden lassen) imp^'visirten eine gemeinschaftliche Zusammenkunft, und beschlossen, auf den folgenden ^(einen Sonntag) zu einer allgemeinen Volksversammlung einzuladen. Der Auf^wurde noch in der Nacht gedruckt, und war am 17. Sept. am frühen Morgen sch^in allen Dorfsckaften der Umgegend angeschlagen. Diese Volksversammlung wu^um 4 Uhr auf der Psingstweide, einem großen Anger vor dem Allerheiligenthor, di^an der Einmündung der hanauer Eisenbahn gehalten, die ominöse Zuzüge brach^Es mochten 10—12000 Menschen versammelt sein, darunter viele Neugierige, ^auch Viele mit Knütteln, Pistolen, und der rothen Feder am Hute. Ein Vorsiehdes Montagskränzchen sprach zuerst. Er riech dahin, der Nationalversammlung ^Adresse gegen den eben gefaßten Beschluß zu überreichen. Solches ward jedoch ^zahm und schwach von den nachfolgenden Rednern ziemlich höhnisch abgewiesen, " §die dupirten Vorstandsmitglieder des Montagskränzchen schlichen bald davon. ^kamen die Anträge: Fracturschrift zu schreiben, der Majorität der Nationalversa^ ^lnng vor die Häuser und Leiber zu rücken, um sie zum Austritte zu bewegen.
DaS erschien den Wüthenden zu gelind. Die Koryphäen, unter ihnen einMensch auS SchleSwig-Holstein, sprachen das Wort des Räthsels aus. Machtrikaden mit euern Leibern; jagt die Volsverräther, die Nationalversammlung,einander; fort mit „den Geldsäcken" der Bourgeoisie! Auch die Linke muß ^ ßdie mit ihren Halbheiten Alles verdirbt! Nur die äußerste Linke kann, soll und ^die Bewegung zum Ziele führen! So wurde denn endlich, durch Aufhebunghundert Hände und einiger tausend Stöcke, der „Beschluß" gefaßt, dieder Nationalversammlung für „Verräther des deutschen Volks, der deutschen ^und der deutschen Ehre" zu erklären, die deutsche Nation in diesem Sinne ^
*) Über die deutschen Verhältnisse und das Benehmen der Nationalversammlungder Malmoer Waffenstillstandsangelegenheit verbreitet sich ausführlicher der Artikel ,, ,,, Awig-Holstein seit der Erhebung im Jahre 18-18", im fünften Bande der „Gegenwa325 — 331. Auch unsere nächste Mittheilung über die deutsche Nationalversammlu ^diesen Wendepunkt ihrer Geschichte im Zusammenhange behandeln.