Staat und Stadt Frankfurt. 405
Würde. Die hervorragendsten Männer der Linken hatten Das selbst eingesehen. Aberste mußten in der Versammlung vertreten, was sie in den Parteibesprechungen be-kämpft hatten. Dieser Schritt brachte ihnen in jeder Beziehung den größten Scha-den. Eins hob sie wieder: die Verfolgungen, unter denen später auch die Bestenvon ihnen leiden mußten.
Der frankfurter Abgeordnete Dr. Jucho schloß sich Neh und dessen Genossenan, welche den Salto mor-tale nicht mitmachen mochten. Jucho war schon lange dasStichblatt der Galerie. Dieselbe hätte ihm wol verziehen, daß er in der Paulskirchenicht als Redner glänzte; daß er aber die revolutionären Phrasen nicht im Mundeführte, ward sehr übel vermerkt. Zwar hatte er sich zu der Westendhall, „der Lin-ken im Frack", gehalten. Das erklärte man aber für eine Halbheit. Er standhierauf mit Neh und Andern dieser Partei zu den Erbkaiserlichen — Das war„Abfall". Nun ging er gar nicht mit nach Stuttgart — Das galt als „Verrath!"Der Literat Funk, der früher Hecker, jetzt Diejenigen für Verräther am Vaterlandeerklärte, die den „Schwabenstreich" nicht mitmachten, klagte Jucho bei der Consti-tuante der Pflichtverletzung an, und ersuchte dieselbe, eine Neuwahl zu veranlassen,^in ähnlicher Antrag ging vom Montagskränzchen aus. Der Antrag wurde aneinen Ausschuß verwiesen, doch die schnell aufeinander folgenden Ereignisse verhinder-ten ein weiteres Vorgehen in dieser Sache.
Frankfurt hatte um diese Zeit ein trübes, unerfreuliches Ansehen; die Gasthä'u-M waren leer, die Fremden durch die Nähe der Unruhen verscheucht oder nach demSchauplatze derselben hingezogen. Nichts blühte als die Placatenliteratur, die dennAuch jeden Tag von den Siegen der Badenser zu erzählen wußte. Geschäft und^Erkehr stockten; die Bevölkerung befand sich in Angst und Aufregung. Am 18.>5uni wäre es beinahe zu einem Ausbruch gekommen. In Folge der Ereignisse auf^ern nahen Kriegsschauplatze befanden sich in den ersten Nachmittagsstunden jenes^ags sehr unerwarteterweise die meisten Thore ohne Wache. Was mag Das bedeu-ten? raunte man sich zu. Das wißt ihr nicht? Die Badenser sind in Darm-lladt eingerückt, sie ziehen in Hellem Häuf gegen Frankfurt! Die Menge wird
Unruhig; man befürchtet einen Krawall. Der Stadtcommandant, Major Deetz, läßten Posten an der Hauptwache, angesichts zahlreicher Gruppen, scharf laden. Gleich-artig werden an der sachsenha'user Brücke zwei Kanonen aufgepflanzt, brennendeUnten daneben. In Sachsenhausen ritten 50 Ostreicher mit blanker Waffe undMannten: Hahn umher. So verlief sich denn endlich die Menge, die gegen 10,.hr Abends in den Straßen bei der sachsenhäuser Brücke in großer Bewegung>u- und herwogte, aber keinen ernstlichen Versuch zu Thätlichkeiten machte. ImUnern der Stadt blieb Alles ruhig. In der Nacht um 1 Uhr kamen acht Com-^9nien Östreicher an. Als am 19. Juni die Leute erwachten, war das Luftbildpflogen«. Aber in der Constituante stellte die Mehrzahl, aus dieses Ergebniß hin,^Uer Anderm auch den Antrag an den Senat, die frankfurter Linienlruppen vonM Kriegsschauplatze in Baden abzuberufen und nach Frankfurt zur Bewachung^ Stadt zu verlegen. Dr. Jucho, der sich die Meinung erlaubte, sie sorgten ebenlr-! besten für die Erhaltung der Ruhe, hatte für diese Äußerung von den ul-denwkratischen Blättern und dem Galeriepublicum nicht wenig zu leiden.
Die erste Lesung des Verfassungsentwurfs für den „Staat Frankfurt" rückte" rasch vor. Von den Bestimmungen desselben wurde nur eine gemildert,tz ' den Antrag des Senators Hcssenberg wurde von der Mehrzahl zugegeben, demo des Regierungsraths eine suspensive Wirkung über die Dauer einer Legislaturbeizulegen. Hingegen ging man nicht darauf ein — was der SenatsparteiHerzen lag — den Negierungsrath ganz oder mindestens zur Hälftef^b gliedern zu besehen, die auf Lebenszeit ernannt würden. Über daS Strafver-^?chte ein Ausschuß sehr zweckmäßige Vorschläge. Die Geschworenen solltenSirig ??d"Ecte Wahl ernannt werden und mindestens 50 Jahre alt sein müssen. JeneslE'Versammlung ein; das Minimum des Alters stellte sie aber auf 21 Jahre.