482 Hessen - Darmstadt.
zu spat, ein Gleiches bei Mainz eintreten ließ, hatte sich ein großer Theil des Spe-ditionsgeschäfts bereits von diesem Handelsplätze weggezogen. Man muß aber tuemercantilische Eifersüchtelei zwischen den größer« rheinischen Städten aus eigener An-schauung kennen, um zu wissen, welchen tiefen Stachel es zurückläßt, wenn sich e»nederselben zu Gunsten der andern bcnachtheiligt sieht! Als eine Lebensfrage erachte-ten die Mainzer seit langer Zeit den Ausbau der Mainz-Ludwigshasener Eisenbahnauf Staatskosten. In der Vollendung dieser Bahn sahen sie die einzige Möglichkett/den Schaden wieder gutzumachen, welchen ihre Stadt durch die Anlage der Taunus-und Main-Neckar-Eisenbahn erlitten hat. Es war bis zur Märzrevolution nichtmöglich, den Staat zu einer Betheiligung an der Mainz-Ludwigshafener Bahn zNbewegen. Die Gründung eines Freihafens zu Biebrich und die stete Förderung derdortigen Hafenbauten seitens der naffauischen Regierung mußten natürlich die Eise^sucht des Mainzer Handelsstandes in hohem Grad erregen. Auch hiergegen mutheuman der darmstädtischen Regierung wol zu, Schritte zu thun. Der einzige eclatanttSchritt aber, welcher geschah, sei es mit oder ohne Vorwissen des Ministeriumin Darmstadt — die Versenkung der Steine und Schiffe an der Grenzstelle debiebricher Fahrwassers — schlug in einer für die Anstifter so beschämenden Weise aus,daß die Mainzer, als es an die letzte Zeche ging, schwerlich sehr erbaut gewest"sein mögen über das ganze Unternehmen. Endlich konnte man es in Mainz deMMinisterium nicht verzeihen, daß es allerlei langjährige Lieblingswünsche der dortig^gewerb- und handeltreibenden Bevölkerung unerfüllt ließ. Abgesehen von derbauung einer stehenden Rheinbrücke, war es namentlich das vergebliche Verlang^nach Anlegung eines größern Winterhafens, welches unter den Mainzer Unzufriedenheiten eine bedeutende Rolle spielte.
Doch würde dies Alles nicht die große Aufregung hervorgerufen haben, we"nicht im Jahre 1847 das Ministerium offen mit dem Plane vor die Kammern 9treten wäre, die freisinnigern, aus der französischen Zeit überkommenen rheinhessism^Institutionen zu beschneiden und der Gesetzgebung der übrigen Landestheile anzup^sen. Man tastete hierdurch nicht nur die politischen Glaubensartikel des Rheinhe^an, sondern man trat auch seinem Stolz zu nahe; denn gerade in jener, den the^,tischen Liberalismus so stark verherrlichenden Zeit war es erst recht der StolzRheinheffen geworden, in diesem Betracht zu den am weitesten vorgeschrittenen ^ ,am glücklichsten gepriesenen Volkstheilen Deutschlands gezählt zu werden. Ein soEBewußtsein wird aber eine kluge Regierung immer zu schonen suchen. Ein Volt ^trägt Alles eher als das Gefühl, sich gedemüthigt, sich compromittirt zuund von dieser Seite faßte man allerdings damals die Sache in Rheinhessen. ^Folgen zeigten sich rasch. Es würde nicht so bedeutende Sympathie mitFranzosenthum seit Jahr und Tag in Mainz zu finden gewesen sein, wenndieselbe nicht unbewußt untergeschoben hätte für die Sympathie mit den vonFranzosen überkommenen freisinnigern Einrichtungen. So federte aber . das .rium die Sympathie für das Franzosenthum förmlich heraus, und mit ihr diepathie für die theoretische, für die sociale Revolution. Die Thatsachen dertionsjahre legten den Beweis dafür ab. Die Gefährdung der rheinhessischen 3'^tutionen rief übrigen- schon im Jahre 1847 eine Erscheinung hervor, die, da'^,minder beachtet, uns erst jetzt durch den Vergleich mit den nachfolgenden Jahre"teressant wird. Man hielt nämlich zu selbiger Zeit schon eine Reihe vonVersammlungen" ab, bei denen man freilich nicht ahnte, daß sie das Aorsp^spätern Volksversammlungen werden sollten. In den Verhandlungen dieser .^lward je mit dem Gange der landständischen Verhandlungen, die zu Darmsta^t ^die rheinhessischen Gesetze gepflogen wurden, Schritt gehalten, und natürlich i" ^anderer Weise entschieden als in Darmstadt. Der Ort der Zusammenkunft w ^jedesmal gewechselt, um die Polizei nicht auf die Spur kommen zu lassen, ^,idemselben Grunde sehte man die Theilnehmer nur in mündlicher Überlieferung ^dem jedesmaligen Versammlungslokale in Kenntniß. So hatte die Regierung