Hessen - Darmstadt. 491
ultramontan-conservatives in voller Rüstung dastand. Neben den demokratischen Ver-einen gewannen die Piusvereine äußerst rasch Boden und wußten in ihren Kreisenmit großer Entschiedenheit auch auf das politische Leben einzuwirken. Der Ultra-wontanismus hat seit der Revolution unzweifelhaft große Fortschritte in Rheinhessengemacht. Wir werden unten, wo von den Agitationen bei der neuen Bischofswahldie Rede ist, ausführlicher darauf zurückkommen. Die demokratische Partei hattein der „Mainzer Zeitung" unter Bamberger's Redaction gleich in der ersten3eit ein nicht unwürdiges und sehr entschiedenes Organ ihrer Tendenzen geschaffen.Die Ultramontanen sehten Dem das „Mainzer Journal" entgegen, welches, was esgeistvoller Behandlung der Doctrin jenem nachgab, an wunderbar ämsiger Aus-deutung und Zürechtstutzung der kleinen Tageschronik im Interesse der Partei wiederbeizubringen suchte. Erst in der Mitte Juli gelang es, einen konstitutionellen Ver-ein in Mainz zu gründen. Allein obgleich derselbe viele treffliche Männer in sich ver-einigte, konnte er es doch nie zu einer durchgreifenden Wirksamkeit wie die Vereineder beiden gegnerischen Extreme bringen. Sein Organ, die „Rheinische Zeitung",war mit Maß, Anstand und politischer Einsicht redigirt; trotzdem oder gerade des-wegen ging dieses Blatt nach kurzem Bestehen an Abonnentenmangel zu Grunde,wahrend die radicalen und ultramontanen Hauptblätter die Revolution überdauertdaben. Ein ähnliches Schicksal hatte das Organ des gemäßigten Freisinns für Ober-hessen, die „Freie Hessische Zeitung", welche von Moritz Carriere und Karl Vogtw Gießen herausgegeben wurde, wobei wir gelegentlich bemerken, daß Vogt in dieserjournalistischen Wirksamkeit sich noch keineswegs auf jenen äußersten StandpunktAllte, den er später in seiner parlamentarischen Thätigkeit eingenommen hat. Diese-ls ein hessisches Zeitungspublicum zu hoch gehaltene Blatt nahm ein schnelles Ende,Wogegen sein Nebenbuhler, der von August Becker in Gießen herausgegebene „Jüngste. ag", zum „Hessischen Zuschauer" umgetauft, trotz aller Hochverrathsprocesse noch*W Jahre 1850 fortbestand.
Als Gagern definitiv zum Vorsitzenden des deutschen Parlaments gewählt wor-den war, legte er bekanntlich seine hessische Ministerstelle nieder. Es war ihm nicht^it, nicht Raum gegönnt, seine Thätigkeit als oberster Verwaltungsbeamter Hessen-^armstadts zu einem abgeschlossenen staatsmännischen Werke eigenthümlichen Ge-
^ags zu entfalten, und es sollte wol schwer fallen, ein wirkliches Charakterbild deS^mstädtischen Ministers Gagern zu entwerfen. Er theilt dieses Schicksal mit allen..^rzministern. In so kleinen Verhältnissen konnten die Persönlichkeiten nicht über^ von außen die Politik eines Kleinstaats bedingenden Ereignisse emporwachsen.
. hatten genug gethan, wenn sie das Beste dieser äußern Einflüsse einstweilen. ^kei, und gewähren ließen, und sich übrigens darauf beschränkten, in dem Cabinetyteß Einzelstaats Selbständiges schaffen zu wollen. So erscheint denn die Wirksam-^..^agern's als hessischer Minister, obgleich sie als einfache Thatsache in den ersten. Vagen so bedeutend gewesen, vom heutigen Standpunkte doch nur als eineaber nicht unrühmliche Episode der staatsmännischen Thätigkeit des merkwür-gen Mannes. Die Wucht des Antheils an der deutschen Aufgabe, welcher ihmH'dem Vorparlamente zugefallen war, mußte seine Hingabe an den soviel kleinernDarmstadt beeinträchtigen. Es war ja hier auch nur ein Name, einda,, was gefedert worden! Übrigens gehört es zu den Eigenthümlichkeiten derejr^ügen daß man den wenigen Männern des öffentlichen Vertrauens, stattHed in der Regel Dutzende von Berufen aufbürdete, und dadurch'dieselben
^drückte, wo man sie emporheben wollte.
des das in der Bundestagssitzung vom Mai vorgetragene SeparatprotokollDjj^oßherzoglich hessischen Bevollmächtigten, Herrn von Lepel, durch welches dieleg l "kung der Regierungen bei dem Werke der constituirenden Versammlung zulchu«" ^antragt wurde, so großen Lärm erregte, desavouirte der im Funfzigeraus-da- übende Gagern in seiner Eigenschaft als hessischer Minister dieses Aktenstück,uur die Privatmeinung des Herrn von Lepel, aber keineswegs die Ansicht