542 Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution.
mit dem Auslande aber hatte seinerseits die revolutionären Elemente im Lande selbstentfesselt und dieses der Unordnung preisgegeben. Ludwig Philipp war von der Mit-telclasse eigentlich nur aus den Thron gesetzt worden, um die Revolution zu schlie-ßen; und da er selbst aus Natur und Neigung nicht für die Revolution stimmte, somußte seine Politik ursprünglich auch darauf ausgehen, sich durch ein Bündniß einenPlatz im Rathe der europäischen Regierungen zu verschaffen. Nun gab es aber da-mals in Europa nur eine einzige große, verfassungsmäßige Macht, bei welcher Frank-reich wenigstens aus keinen grundsätzlichen Widerwillen stieß: diese Macht war Eng-land. Rußland, Östreich oder Preußen, mit denen ein Bündniß von Wichtigkeitsein konnte, hielten die im pariser Straßenkothe aufgelesene französische Krone nichtfür ebenbürtig. Bei der entschieden eigensüchtigen Politik Englands konnte es abernicht fehlen, daß es sich seine Freundschaft theuer bezahlen ließ. Beide Nationen habeneinander entgegengesetzte Interessen, und die stillschweigende Bedingung des Bünd-nisses, wenigstens für England, war das Vorwalten der englischen vor den franzö-sischen. Trotzdem sahen die übrigen Großmächte die englisch-französische Verbindungsogleich mit eifersüchtigen Augen an: sie boten alles Mögliche auf, sie locker zumachen oder ganz zu zerstören. Bei der Verschiedenheit der Interessen der beiden Ver-bündeten konnte ihnen dies so schwer nicht fallen; zugleich aber arbeiteten die Ereig-nisse heimlich für sie. In der griechischen Angelegenheit z. B. wollte Frankreichaus dem jungen Königreiche einen möglichst unabhängigen Staat bilden, der seiner-seits in der Wahl seiner Verbündeten frei bleiben sollte; England hingegen wollte Grie-chenland von sich abhängig machen. Ähnlich geschah es in den Angelegenheiten derpyrenä'ischen Halbinsel. England hatte Frankreich nur mit Widerwillen in die Oua-drupleallianz eintreten und mit ihm zugleich Beschützer von Portugal und Spanienwerden sehen. War nun zwar auch Frankreichs Einfluß in Portugal gegen denenglischen so gut wie nichtig, so verhielt es sich mit Spanien doch schon ganz anders:hier schien die gemäßigte Partei, die damals regierte, sich mehr aus Frankreich alsauf England zu stützen. So kam es denn auch, daß, als das französische Ministe-rium vorn 11. Oct. (1832) England ein bewaffnetes Einschreiten in Spanien vor-schlug (1834), England sich weigerte, obgleich die spanische Regierung selbst die be-waffnete Hülfe wünschte. Später (1836) wechselten beide Regierungen die Rollen.Die Winkelzüge der Großmächte gegen das englisch-französische Bündniß singen anihre Früchte zu tragen, und Ludwig Philipp ließ sich von den Schmeicheleien Met-ternich's so blenden, daß die Politik des Letztem über die Lord Palmerstows denSieg davontrug.
Während der Ministerien vorn 6. Sept. und vorn 13. Apr., d. h. bis zumMinisterium vorn 12. Mai (Soult, 1839), wo eine Regierung anfing, welche derorientalischen Angelegenheit eine andere Wendung gab, war dieses Bündniß zwischenFrankreich und England wirklich sehr aufgelockert. Als aber nach der Bildung desMinisteriums vorn 12. Mai England über Rußlands Stellung zum Oriente immerunruhiger zu werden begann, wünschte es mit Frankreich in der orientalischen An-gelegenheit gemeinsam zu handeln. Das englische Cabinet schlug vor, im Archipeloder an den Küsten von Syrien kriegerische Bewegungen zu machen, deren Folgenfreilich nicht zu übersehen waren. Die französische Regierung lehnte dieses Anerbie-ten ab, was Lord Palmerston vollends in Mißstimmung versetzte. Die orientalischeAngelegenheit ist eine der merkwürdigsten in der neuern Diplomatie: seit 1814 warkeine Verwickelung vorhanden, die so wie diese ganz Europa in Anspruch nahm-Da die Frage bis aus den heutigen Tag noch nicht gelöst, und der Orient immernoch der Zankapfel ist, über welchen früher oder später der allgemeine, vielleicht unab-sehbare Krieg ausbrechen wird: so scheint es wol der Mühe werth, die Hauptfä'dendieses fast endlosen Diplomatengespinnstes bloszulegen, zumal dies eigentlich erst jetz /wo der Historiker bei den leidenschaftloser gewordenen Staatsmännern nachfragen unden diplomatischen Aktenstücken nachforschen kann, möglich geworden. Auch werdeWir nur auf diesem Wege unparteiisch beurtheilen können, ob Frankreichs Ehre ge-