Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 543
litten hat oder nicht, als es unter dem Ministerium Soult-Guizot (29. Oct. 1840)Wieder in das europäische Gleichgewicht eintrat.
Für Frankreich enthielt die orientalische Angelegenheit zwei Hauptseiten: Konstan-tinopel und Ägypten. Bei Konstantinopel hatte es eigentlich nur dasjenige Interesse,welches mehr oder weniger ganz Europa hatte, nämlich: die wichtigste Seestadt derWelt, den goldenen Schlüssel zum Orient, von einem ausschließlich russischen Schutzezu befreien, und ein Herfallen der Türkei zu verhüten, das Rußland zugutekommenkönnte. Nücksichtlich Ägyptens aber hatte außer England keine Macht ein solchesInteresse wie Frankreich. Mehemed Äli war Frankreichs natürlicher Verbündeter,weil es galt, England einen neuen Weg nach Indien zu durchschneiden. Frankreichmußte ferner, um ein Gegengewicht gegen die Seeübermacht Englands zu haben, dieägyptische Flotte, wie jede Flotte zweiten Ranges, beschützen, und ebenso alle neuenägyptischen Staatseinrichtungen, die nach dem Muster der französischen getroffenwaren. England aber sah Frankreichs Einfluß in Ägypten mit gleich großer Eifer-sucht wie Rußlands Einfluß in Konstantinopel; es näherte sich aber, da die ägyptischeAngelegenheit mehr eilte als die türkische, Rußland, dem das Emporblühen einerjungen Macht, an welcher sich vielleicht das ganze osmanische Reich hätte verjüngenkönnen, ein Dorn im Äuge sein mußte. Die Unterstützung Mehemed Ali's lag nunaber insofern im Interesse der europäischen Mächte, als, da sie die Türkei erhaltenwissen wollten, derselben in dem Pascha ein starker Kämpfer, wenn nicht gar einWiedererzeuger gegeben war. Doch Leidenschaft und Diplomatenkniffe brachten etwasganz Anderes zustande, als ursprünglich die europäischen Mächte wollten. Wirmüssen es dahingestellt sein lassen, ob Lord Palmerston dem Könige Ludwig Philippwirklich eine so weitgreifende Politik zutraute, daß derselbe Absichten auf Ägypten habe:soviel ist nur gewiß, daß der englische Minister Frankreich anzugreifen beschloß, indemer dessen Schützling Mehemed Ali Hindernisse in den Weg legte. Äuch nach andererRichtung hin gestalteten sich die Verhältnisse ungünstig für Frankreich; denn die übri-gen Großmächte, die es gegen Rußland zu verbinden gehofft hatte, entfernten sichvon ihm, als ihnen das Zerwürfniß Frankreichs mit England gelungen war, undnäherten sich im Gegentheil Rußland. Alle Vorstellungen von der Nothwendigkeitder Erhaltung der Türkei fruchteten nichts: die Ausrottung des revolutionären Prin-cips, das Mehemed Ali in der Türkei vertrat,, und das Frankreich zu unterstützenschien, lag ihnen mehr am Herzen.
Das englisch-französische Bündniß bestand jedoch immer noch fort: es handeltefuh nun darum, es im Innersten zu brechen. Rußland sandte daher Herrn vonDrunnow nach London, und gab demselben fast unbegrenzte Vollmachten, wenn esihm nur gelänge, die Entzweiung wirklich zustandezubringen. Als in FrankreichThiers am 1 . März 1840 dem Ministerium vorn 12 . Mai folgte, war zwar für dieErneuerung des Bündnisses Hoffnung vorhanden; allein es scheint, als ob doch die Un-terhandlungen der Mächte in London bereits zu weit vorgeschritten gewesen. Thiers suchte2eit zu gewinnen und verlangte, daß ein Gesandter der Pforte an den Beschlüssenöu London theilnehme. Da Thiers aber in dem französisch-englischen Bündnisse dasHeil für Frankreich erblickte, rieth er gleichzeitig dem Pascha, unter bestimmten Bedin-gungen dem Sultan nachzugeben. Dies schien nun wieder einen Strich durch die^echnung Lord Palmerston's zu machen, der es ungern sehen mochte, wenn die strei-tenden Parteien im Oriente sich ohne seine Mitwirkung, und ohne daß ihm einputzen daraus entstand, versöhnt hätten. Er war sogar naiv genug, Frankreich aus^ssen friedlichen Rathschlägen ein Verbrechen zu machen. So kam denn am 15 . Juli^840 jener berühmte Londoner Vertrag der vier Großmächte zustande, in welchemEngland, Rußland, Östreich und Preußen dem Mehemed Ali die Bedingungen sei-ner Unterwerfung vorschrieben und zugleich Frankreich von dem Einfluß auf dieseTorgelegenheit ganz ausschlössen. Ein Schrei des Unwillens und der Empörung er-
sich in Frankreich bei diesem Versuche der Demüthigung. Die Feinde Frank-*brchs hatten nicht einmal die gewöhnlichen diplomatischen Formen beobachtet, sondern