Band 
Fünfter Band.
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545
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Frankreich im Iahrzehnd vor der Februarrevolution. 545

des Zulivertrags in dem syrischen Aufstande lag. Nun sind aber unableugbare Be-weise da, daß England diesen Aufstand selbst angestiftet hat. In den ,,^eeomtt8papers" von 1841 findet sich eine Depesche vorn 23. Apr. 1840 von LordPonsonby, dem englischen Gesandten in Konstantinopel, an Lord Palmerston, inwelcher dieser zum ersten mal die Vortheile eines Aufstandes in Syrien auseinander-setzt. Es heißt darin: „Wenn Ibrahim vorwärtsgeht, so wird es leicht sein, alleSyrier gegen seine Regierung zu erheben. Für die Bewohner des Libanon, denEmir Bechir und für Alle stehe ich ein, wenn nur England handeln und sie unter-stützen will. Ich glaube, daß das bloße Erscheinen eines englischen Geschwaders, soschwach es auch sein mag, begleitet von einer die Flagge des Sultans tragenden Fre-gatte, genügen würde, das ganze Land zur Erhebung zu bringen. Der Sultan istgeneigt, die Fregatte herzugeben sowie alle Unterstützung, die in seiner Macht steht."Der englische Agent in Syrien, Wood, erhielt sogar nach Abschluß des Vertragsvom 15. Juli von Lord Ponsonby den Auftrag, die Maske ganz abzunehmen undden Syriern zu erklären, daß die vier Großmächte alle Diejenigen beschützen würden,die sich dem Sultan unterwerfen wollten.

Der Beschluß der Großmächte, kriegerisch gegen den Pascha aufzutreten, warjedoch keineswegs ohne Wagniß. Frankreich durste mit Recht aus Widerstand vonSeiten Mehemed Ali's hoffen. Die wenigen und schlecht disciplinirten Soldaten desSultans hätten allein in Syrien nichts ausgerichtet. Die englische Flotte besaß

keine Landungstruppen; und wenn auch dergleichen zur Hand gewesen, würde Ruß-land dieselben nur mit Eifersucht haben anwenden sehen. Ebenso wenig war die< Anwendung russischer Truppen statthaft; denn dies hätte die Unverletzlichkeit derTürkei noch mehr beeinträchtigt. Ostreich und Preußen konnten keine Truppen nachSyrien schicken. Wenn also auch dessen Küste von der englischen Flotte bedroht*var, so blieb im Innern des bergigen Syrien der Widerstand doch immer leicht

möglich. Frankreich durfte sogar hoffen, daß Ibrahim durch Kleinasien nach Kon-

stantinopel marschiren würde, wo der etwaige russische Widerstand dann jedenfallsRußlands Einfluß auf die Türkei zum Nachtheile der übrigen Großmächte vergrö-dert hätte. Würde Mehemed Ali Widerstand geleistet haben, so hätten die Groß-mächte die Kriegführung im Herbste einstellen müssen und erst im Frühjahr wiederaufnehmen können; ja die englische Flotte konnte bei Herannahen des Winters,*vie ihre Anführer später selbst gestanden, sehr leicht Schaden leiden. Wie furchtbarEnttäuscht wurde nun aber Frankreich, als auf einmal die Nachricht kam, daß dieEngländer die Küsten Syriens beschossen, und daß Mehemed Ali, wie von der eiser-nen Hand des Schicksals berührt, in Folge des ganz unerheblichen Verlustes nach-gegeben habe. Am 27. Nov. hatten Lord Napier und Boghos Bei einen Vertrag^geschlossen, demzufolge der Pascha seinen Truppen augenblicklich Befehl gab, Sy-tien zu räumen. Auch erstattete er dem Sultan die Flotte zurück, wofür er nunÄgypten allein erblich erhielt.

Unterdessen war es in Frankreich bereits zu einem Ministerwechsel gekommen,dem wichtigsten und letzten, den die Juliregierung machte. Dieser Wechsel ge-hört in mehr als einer Beziehung zu den bedeutendsten Ursachen der Februarrevo-lution, wenn man diese nicht blos auf der Oberfläche der Ereignisse, sondern in de-Wurzel sehen will. Nicht allein, daß mit dem neuen Ministerium das eigene-re System Ludwig Philipp's erst zum Ausdrucke kam, und die kämpfenden Mächte^lf solche Weise erst von dem Augenblicke dieses Ministcrwechsels an näher anein-andergeriethen: auch der Sturz des Mannes, den Guizot verdrängte, war an sich,^?e man in der Folge sehen wird, eine der wichtigsten Ursachen der jüngsten fran-^fischen Staatsumwälzung. Man wird sich überzeugen, daß es der Mühe werth^wesen, die Situation hier ausführlich zu beschreiben; denn die ganze wichtige Stet-ig, die Thiers später zur Juliregierung eingenommen, kann nur auf diese Weise*Htig erklärt und beurtheilt werden.

Die Gegenwart. V. 35