Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 547
dem erblichen Ägypten bestand und aus dessen Antastung einen Kriegsfall machte,
Syrien aber preisgab, zwar Zustimmungen, keineswegs aber einen völligen Rückzuggezeigt. Sein und- seiner Freunde plötzlicher Austritt aus dem Ministerium hättebewiesen, daß der König, und der König allein, den Rückzug gewollt und angetreten.Nun hatte aber Thiers die Schwäche, gleichzeitig auch die Aufopferung, noch solange zu bleiben, bis der König in aller Ruhe ein neues Cabinet zustandebringenkonnte. Dieses halbe Interregnum vernichtete Thiers' ganze Popularität. Vorn
kühnen, ganz Europa trotzbietenden Staatsmanne stet er in der öffentlichen Mei-
nung plötzlich zum Popanz, zum gefoppten Höflinge herab. Kaum wurden die Fran-zosen gewahr, daß sie keine glänzende Rolle mehr spielen sollten, als sie auch anfin-gen, die Anlegung der Festungswerke von Paris für Verrath, für einen Maulkorbum die allzu laute Hauptstadt zu halten, und den Mann zu verdammen, der Mo-nate lang das Kriegsfieber und die mit demselben verbundenen Schwankungen ge-nährt, Geld vergeudet und Geldsäcke beunruhigt hatte. Bedenkt man, daß Thierskeineswegs eine große und gewagte Politik im Orient verfolgte; daß er weder Ruß-land wegen Konstantinopel noch England wegen Ägypten offen die Stirn bot; daßer namentlich letzterm keineswegs geradezu sagte, wie Frankreich entschlossen, sich sei-nen Einfluß aus Ägypten zum Schaden Englands zu erhalten; daß er die ganzeAngelegenheit überhaupt mehr formell als reell auffaßte: so wird man begreifen, mitwelch bitterm Gefühle dieser Mann vom Schauplätze abtrat. Seine Anhänglichkeitan Ludwig Philipp mußte zudem umsomehr erschüttert werden, als eine ähnlicheBehandlung bereits die Ursache seiner frühern Austritte aus dem Cabinet gewesenwar. Wir werden uns dieses Umstandes bei Gelegenheit der Februarrevolution wie-der erinnern und sehen, daß Könige bedeutende Staatsmänner nicht ohne Gefahr fürsich selbst mißbrauchen.
Ludwig Philipp bildete nun sein neues Ministerium aus jener rein conse^vativenPartei, von welcher sein persönliches Regierungssystem wenig zu fürchten hatte. DerMarschall Soult wurde Präsident des Ministrrraths und Kriegsminister, EuizotMinister des Auswärtigen, Duchatel des Innern, Martin (du Nord) der Justiz,der Admiral Duperre der Marine, Cunin-Eridaine des Handels, Teste der öffent-lichen Arbeiten, Villemain des Unterrichts, Humann der Finanzen. Es war ganzNatürlich, daß, nachdem die Demüthigung Frankreichs vollbracht und die Pforte inihren krebsartigen Zustand zurückgeworfen, die Großmächte Eile hatten, Frankreichwieder zur Rückkehr in das europäische Gleichgewicht zu bewegen. Denn einerseitslvaren namentlich Rußland und England verlegen, wie sie den Sieg benutzen sollten,indem nicht nur Frankreichs sondern auch Östreichs Interesse im Fall einer Theilungder Türkei im Wege stand. Andererseits mußte, wenn es nun doch einmal keinenKrieg geben sollte, das aufgeregte Europa durch die völlige Waffenstreckung Frank-reichs wieder beruhigt werden. Es ist bezeichnend, daß Lord Palmerston selbst nochnach dem von Napier abgeschlossenen Vertrage Intriguen spann und neue Schwie-rigkeiten aller Art machte: England hatte, da Mehemed Ali Ägypten erblich behielt,in der That von den ganzen Wirren wenig materiellen Vortheil gehabt. Ebensobezeichnend ist es, daß Metternich es war, der Frankreich zuerst wieder Friedensvor-Mä'ge antrug, sei es aus allgemein conservativen Grundsätzen, sei es weil er be-achtete, England und Rußland könnten von der Lage der Dinge vielleicht doch^och Nutzen ziehen.
Wenn man die Sprache hört, die Guizot auf die verschiedenen Friedensvor^'chläge, die ihm gemacht wurden, in seinen Depeschen führte, so kann man verleitetwerden, ihn für äußerst spröde und würdevoll zu halten. Er sagte: „Wir beeilen
nicht, aus der Vereinzelung, die man uns bereitet hat, herauszugehen"; etöbigte sich sogar streng in der Redaction des neuen Vertrags, demzufolge Frankreich"llt den großen Herren wieder gut Freund werden sollte. Betrachtet man die Sacheaber näher, so findet man, daß Guizot sich rein an der Form hielt, und daß die
3 5 , *