Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 553
teien, Rosas und Oribe einerseits und Montevideo andererseits, sollten einen Vertragabschließen; wenn aber letzteres diesen Vertrag verweigerte, sollte man es seinemSchicksal überlassen und die gemeinsame Blockade aufheben. Würden aber Rosasund Oribe sich weigern, so möchten «ie Agenten, bevor sie zurückkamen, einen Waffen-stillstand zu erwirken suchen. Diese Weigerung trat wirklich ein. Als es aber nunzu dem zweiten Versuche, nämlich zum Waffenstillstände kam, wollte Montevideo die-sen, weil er zu unvorteilhaft war, nicht annehmen. Nmi brach der englische Agent,Lord Howden, das gemeinschaftliche Wirken ab, und hob die englische Blockade auf.Der französische Gesandte in London beschwerte sich über dieses Verfahren des eng-lischen Agenten, und später erkannte auch Lord Palmerston dessen Unrecht an. Trotzdieser friedlichen Beilegung der Angelegenheiten von Portugal und La Plata blieb aberdas Verhältniß beider Theile von den spanischen Heirathen her ein frostiges. LordPalmerston stellte die französische Politik natürlich im übelsten Lichte dar, und selbstLord Aberdeen schrieb am 44. Sept. 1846 als Privatmann einen Brief an Guizot,in welchem er das Verfahren des französischen Ministeriums misbilligte. Er erklärteunter Anderm: „Es ist wahr, daß Lord Palmerston den Prinzen Leopold (von Sach-sen-Koburg) unter die Kandidaten für die Hand der Königin gezählt hat. Aber daer, wie dies wirklich der Fall, wußte, daß die Königin Christine dem regierendenHerzog von Sachsen-Koburg, als sich dieser in Lissabon befand, einen direkten Vor-schlag gemacht hatte, so konnte er unmöglich anders handeln. Wenn er auch denPrinzen Leopold zuerst auf der Liste genannt hat, so beweist dies in keiner Weise,daß er dessen Erfolg wünschte; ich würde wahrscheinlich ebenso gehandelt haben, ob-gleich ich fest überzeugt war, daß der Erfolg eines der Söhne Don Francisco's denenglischen Interessen besser gedient hätte/" Die Königin Victoria schmollte ebenfalls,sodaß Ludwig Philipp an seine Tochter, die Königin der Belgier, schrieb und dieseersuchte, der Königin von England den ganzen Verlaus der Sache darzustellen. Die-ser Brief, den später die „Kevue i-eti-ospeetive " mitgetheilt hat, ist in seiner Artein Meisterstück, und gibt allein einen schlagenden Beweis von dem Schsrfsinne undder Umsicht Ludwig Philipp's.
Nicht weniger hart als die Politik in Spanien ist das Verfahren Ludwig Phi-lipp's in Italien angegriffen worden. Man war lange Zeit der Ansicht, daß diefranzösische Regierung an der plötzlichen Reaction des Papstes Schuld sei; alleinDocumente, die vor kurzem erst veröffentlicht worden sind, haben im Gegentheil be-wiesen, daß, wenn Frankreich in Italien auch keine revolutionäre Politik verfolgthat, es den Papst doch zu einer gemäßigten und heilsamen Reform zu stimmensuchte. Graf Nossi verfolgte diesen Zweck rastlos in Rom. Die Hindernisse kamenEinerseits von dem schwankenden, vor einer Revolution erschreckten Charakter desPapstes selbst, andererseits von der Halsstarrigkeit der Beamten. Aus einer De-pesche Nossi's an Guizot vom 28. Juli 1847 geht hervor, daß er dem Papste an-rieth: „der Neformpartei eine volle und loyale Genugthuung zu geben und die na-tionale Partei aufzuklären und zurückzuhalten, indem er ihr begreiflich machen soll,daß die Ungeduld sie ins Verderben stürzen könnte/" — „Man hat"", sagte er weiter,,,eine ganz einzige Situation verschleudert. Nie war ein Fürst der Dinge mehr Mei-ner als Pius IX. in den ersten Monaten seines Pontificats. Was er gethan hätte,mit Enthusiasmus aufgenommen worden sein. Darum sagte ich: BestimmtAufschub, den ihr wollt, aber, um Gottes willen, bestimmt ihn, und führt eurebedanken ohne Verzug aus." Guizot selbst schrieb an Nossi am 27. Sept. 1847Unter Anderm Folgendes: „Wir sind durchaus nicht stationair und ebenso wenig re-volutionär, weder in Rom noch in Frankreich. Wir wissen aus eigener Erfahrung,es sociale Bedürfnisse gibt, denen man Genüge leisten, Fortschritte, die manZachen 'muß, und daß das erste Interesse einer Regierung ist, in Harmonie undö.Uteni Einverständnisse mit ihrem Volke und der Zeit zu leben. Wir wissen aus^Zener Erfahrung, daß der revolutionäre Geist der Feind aller Regierungen ist, so-^vl der mäßigen wie der absoluten, derer, die Fortschritte machen, wie derer, die sie