Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 557
noch nicht zufrieden, ging Massignac noch einmal zu Herrn von Zayas und fragteihn, ob er das Ecständniß für vollkommen halte. „Ich weiß nicht", antwortete die-ser, „was Sie noch mehr wünschen; Sie müßten es denn gerade schriftlich habenwollen. Habe ich Ihnen diesen Morgen doch gesagt, ich legte meine Hand insFeuer!" Die Großmächte, die wol einsehen mochten, daß sie in der schwankendenPolitik Lord Palmerston's keine genügende Sicherstellung für die europäische Ruhefanden, beschlossen nun, sich mit Frankreich, das sich ihnen angenähert hatte, zu ver-binden und England dabei ganz auszuschließen. Nadowitz und Colloredo begabensich, nachdem sie in Deutschland schon zusammengekommen waren, nach Paris. Der15. März 1818 wurde zum Abschlüsse des Vertrags festgesetzt. Wäre der allge-meine politische Sturm nicht zwischen dieses Vorhaben getreten, so würde Englandam Ende in dieselbe vereinzelte Lage gekommen sein, in welcher sich Frankreich 1810befand. Letzteres konnte zwar so für den ihm damals angethanen Schimpf Genug-thuung erhalten; aber es würde diese auch wiederum theuer bezahlt haben. Dennder Bund mit den absolutistischen Mächten Europas wäre ein unnatürlicher undwahrscheinlich nur von kurzer Dauer gewesen. Gewonnen hätten nur Letztere dabei,denn sie hätten damit zwei Streiche zugleich ausgeführt: die Bändigung der Schweizund, was ihnen noch wichtiger war, die Frankreichs selbst, insofern Ludwig Philippgegen die innere Opposition alsdann kräftiger auftreten durfte. So ist Ludwig Phi-lipp auch in dieser Beziehung vielleicht gerade im Gipfel seiner Macht gestürzt wor-den, indem er eben auf dem Punkte stand, bei den Großmächten Europas zu Gna-den einzugehen.
Die Stimmung des Landes; Ursachen der Februarrevolution: Unpopularität Ludwig Philipps,Unzufriedenheit über die Verwaltung, daß Budget, innere Zustände, Skandale;die Reformbewegung.
Die auswärtige Politik der Juliregierung, die wir bisher dargestellt hadert, warkeineswegs eine' directe Ursache ihres Sturzes. Zwar hatte die Nation im Allge-weinen wenig Sympathie für diese Politik, denn sie kam ihr, fortwährend von einerUnerbittlichen Opposition verschrien, kleinlicher und antinationaler vor, als sie wirklichwar. Aber andererseits läßt sich doch auch nicht leugnen, daß das die Regierungerhaltende Staatsorgan: die Deputirtenkammer, größtentheils aus Männern bestand,deren Interesse mit der conservativen Politik Ludwig Philipp's in enger Verbindungstand. Dies kam von einer unleugbaren Fehlerhaftigkeit in der Einrichtung der Wah-len und des Parlaments selbst; denn da eine nicht unbedeutende Steuer für dieWahl maßgebend war, so wurden eigentlich nur die besitzenden Classen vertreten,Und diesen konnte die conservative Politik nur willkommen sein. Wir werden vondiesen Misstä'nden bald ausführlicher sprechen: jetzt handelt es sich zunächst darum,die Ursachen eines Ereignisses auszuzählen, das eine fast europäische Umwälzung zurFolge gehabt hat. Die Februarrevolution ist zum Theil durch die Fehler ihrer An-stifter und Leiter so verschrien worden, daß eine täglich immer mächtiger werdende^eaction sie jetzt gern als einen bloßen Betrug darstellen möchte. Die Geschichte^r letzten Jahre der Juliregierung läßt sich aber als eine Kette von Ursachen derFebruarrevolution zusammenfassen, und die Ereignisse rechtfertigen es, wenn wir siedem Leser in dieser Form vorführen.
Eine der Hauptursachen der Februarrevolution bestand in der UnpopularitätLudwig Philipp's. Man muß lange Zeit in Frankreich gelebt haben, um sich hier-an eine rechte Vorstellung machen zu können. Unwillkürlich kam Einem dort dieF^ge: Wodurch erhält sich die Regierung eines Mannes, der so wenig Wurzel inNation gefaßt hat? Diese Unpopularität datirte sogar schon aus der vorköniglichen^.eit Ludwig Philipp's. Die Orleans waren zwar von jeher im Allgemeinen einSymbol der Opposition, die gährende Hefe am Hofe; aber der extremen, republika-wschen Partei galten sie immer noch als Aristokraten, während sie der legitimisti-lchen als nichtsnutzige Revolutionairs erschienen. Daher kam es, daß Ludwig Phi-