558 Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution.
tipp nur die Mittelpartei fürsichhatte, d. h. eine Partei ohne eigentliche politischeÜberzeugung, eine Partei, die weder republikanisch noch royalistisch gesinnt war,sondern kein anderes Elaubensbckenntniß als das deS Interesse besaß. So erklärtsich der Mangel an Begeisterung, an Ergebenheit für das neue KönigshauS. Woes an einem entschiedenen, lebendigen Principe fehlt, wo das Interesse die Überzeu-gung ersetzt, konnte dies wol auch nicht anders sein. Als Ludwig Philipp den Thronbestieg, durfte ihn sowol die republikanische wie die legitimistische Partei als einenUsurpator betrachten; denn legitimer König war er nun einmal nicht, und gewählthat ihn die Nation auch nicht. 221 Depucirte maßten sich das Recht an, das großeund in der Geschichte berechtigte Princip der Legitimität zu brechen, und einen Für-sten auf den Thron zu setzen, dem der abdankende Karl X. die Vormundschaft desReichs übertragen hatte. Wir wollen hier von den Vorwürfen der Legitimisten, daßLudwig Philipp heimlich gegen die Restauration verschworen gewesen sei, nicht wie-derholen: es steht nichts darüber fest, und die Julirevolution war auf keinen Falldas Resultat einer Verschwörung, sondern eine Folge der Verletzung der Charte.Nichtsdestoweniger muß man im Auge behalten, daß die gutmüthigen BourbonS denSohn Dessen, der ihren Bruder mit auf das Schaffet geschickt, aus der Verban-nung zurückgerufen, daß sie ihm Güter und Reichthümer wiedergegeben, ihm denTitel königliche Hoheit beigelegt, und als den Nächsten zum Throne hingestellt haben.Dieser Mann erhält von seinem scheidenden Wohlthäter den höchsten Beweis desVertrauens, die Bewahrung der Krone, die entweder einem unschuldigen Kinde ge-hörte oder für immer zertrümmert werden mußte. Er aber — setzt sie sich selbst auf.Ludwig Philipp hat später in der Verbannung erklärt, er sei nur der Nothwen-digkeit und der Vorstellung gewichen, daß er allein das Land vor dem Bürgerkriegretten könnte. Wir meinen indessen, daß wenn eine provisorische Regierung das ^anbefragt hätte, der spätern NegierungSform Frankreichs eine ganz andere Gnwdlaggegeben worden wäre als durch die willkürliche Schöpfung einer Bastard-Mvnarchre.Was aber den Bürgerkrieg anlangt, so wird er durch nichts mehr verhindert alseben durch eine Zuratheziehung der Nation.
Zu diesem Grundfehler in der Stellung Ludwig Philipp's kam eine Reihe vonEreignissen, die nicht geeignet waren, ihn populair zu machen. Nicht alS ob sie allevon ihm ausgegangen oder wenigstens von seinem Willen abhängig gewesen: dreParteien verstanden sie gegen ihn zu benutzen; und da sie zu seinem Sturze beige-tragen haben, müssen wir sie hier als revolutionäre Mächte anführen. Der ge-waltsame Tod des Herzogs von Berri (1820) und der Tod des Herzogs von Bour-bon (1830) wurden von den Ultralegitimisten gegen Ludwig Philipp ausgebeutet.Immerhin wird es auch auffallend bleiben, daß jener Bourbon einen Orleans L"seinem Erben eingesetzt hat. Bei dem ungeheuern Aufsehen, das der Proceß überden Tod des Herzogs machte, würde Ludwig Philipp mindestens wohlgethan habe"/seinen Sohn auf die sehr bedeutende Erbschaft verzichten zu lassen. Einem alteKönigsgesehe nach müssen die Fürsten, sobald sie den Thron von Frankreich be-steigen, alle ihre Privatgüter dem Staate zufallen lassen; Ludwig Philipp übeverschrieb sie am Morgen vor seiner Thronbesteigung seinen Kindern und behielt Mauf Lebzeiten die Nutznießung vor. Dann kam er in die traurige Nothwendig ^(Folge seines ersten Schrittes), die Bourbonische Familie, seine Wohlthäter, ausreich zu verbannen, die Herzogin von Berri verhaften zu lassen u. s. w. AuchAnlegung der Festungswerke von Paris hat viel zur Unpopularita't Ludwig Phu^^beigetragen, und ebenso die Veröffentlichung von politischen Briefen, die ihm zusschrieben wurden. Am 24. Jan. 1841 zeigte die legitimistische „k'ranee" in emArtikel: „Ludwig Philipp's Politik, von ihm selbst erklärt", an, daß sie "Schriftstücke (die ,, Oaxelte clo Kranes" hatte bereits welche gedruckt, die aberberücksichtigt geblieben sind) veröffentlichen würde. Wirklich erschieneneiner Correspondenz, die bereits aus der Königszeit Ludwig Philipp's er-,
sollte. In einem dieser Briefe hieß es: „Im Allgemeinen ist mein fester und u