Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 55S
schütterlicher Entschluß der, alle seit 15 Jahren zwischen Frankreich und den euro-päischen Mächten abgeschlossenen Verträge aufrechtzuerhalten. Was die Besetzungvon Algier betrifft, so habe ich noch mehr besondere und mächtigere Beweggründe,die Verpflichtungen zu erfüllen, die meine Familie England gegenüber genommenhat. Diese Beweggründe bestehen in dem lebhaften Wunsche, Ihrer britischen Ma-jestät angenehm zu sein, und in der festen Überzeugung, daß eine enge Verbindungzwischen beiden Ländern nicht allein für ihre gegenseitigen Interessen, sondern auchfür die Civilisation Europas nothwendig ist. Sie können daher, Herr Gesandter,ihrer Regierung versichern, daß die meine sich Punkt für Punkt nach allen Ver-bindlichkeiten richten wird, die Se. Majestät Karl X. in Bezug auf Algier eingegan-gen ist. Aber ich ersuche Sie, die Aufmerksamkeit des britischen Cabinets auf dengegenwärtigen Zustand der Stimmung in Frankreich zu lenken, ihm zu erklären,daß die Räumung Algiers das Zeichen zu den heftigsten Anschuldigungen gegenmeine Regierung wäre, daß sie üble Folgen haben könnte, und daß es im Interessedes europäischen Friedens liegt, eine neue Macht, die sich eben erst begründen will,nicht unvolksthümlich zu machen. Daher möge Ihre britische Majestät, beruhigtüber unsere Absichten und überzeugt von unserm festen Willen, das Versprechen derRestauration gegen sie zu erfüllen, uns die Wahl der Zeit und der Mittel über-lassen." Dieser Brief sollte an den englischen Gesandten Lord Stuart de Rothsaygerichtet gewesen sein. In den andern Briefen kamen womöglich noch unangeneh-mere Dinge vor: wie z. B. die Absicht, Paris nur zur Bekämpfung der Ausständezu befestigen; Polen im Stich zu lassen. Das Aufsehen, das diese Briefe erregten,war natürlich um so größer, als man Ludwig Philipp längst vorher solcher Politikangeklagt hatte, und nun die Bestätigung der Anklage in seinen eigenen Worten zufinden glaubte. Der „National", die „ (luotidiouuo", die „Karotte do krauoo"und das „Kollo lrantzais" druckten die Briefe nach; und so konnte auch die Regie-rung nicht umhin, endlich im „Alo^aßor" anzuzeigen, daß die Anstifter dieserVeröffentlichungen wegen Falschere! und Beleidigung gegen die Person des Königsgerichtlich verfolgt werden würden. Am 4. Febr. wurden Lubic, der Redacteur der„kranoo", und de Montour, der Geschäftsführer derselben, verhaftet; am 24. Apr.erschien aber Letzterer vor dem Assisenhofe unter der bloßen Anklage, den König be-leidigt zu haben. Die Häupter der legitimistischen Partei, der Marquis de la No-chejacquelein, der Herzog von Fitz-James, der Baron de Brian und Andere, hattenstch im Gerichtssaale eingefunden. Der berühmte Advocat und Legitimist Berryer ver-theidigte den Angeklagten. Der Präsident foderte ihn auf, die Originale vorzuweisen,worauf Montour aber antwortete, an dem Ankläger sei es, den Beweis der Fäl-schung zu führen. Der Generaladvocat Partarieu-Lafosse blieb bei der Anklage ste-hen, und Berryer appellirte sehr geschickt an die Redlichkeit der Geschworenen, dieden Angeklagten denn auch wirklich freisprachen. Dagegen wurde nun aber die„Karotte de kranoo" am 30. Apr. zuerst in contumaciam zu 5000 Francs Strafe^erurtheilt, und am 21. Mai bestätigte der Assisenhof den Spruch. Die Angelegen-heit war hiermit keineswegs beendet. Die „Uoi-ninß-?o8L" zeigte an, daß eine^.eldspeculation den Legitimisten diese Briese in die Hände gespielt hätte. Die be-rechtigte „ koutempoiaino " soll die Urheberin dieser Speculation gewesen sein; aberewn wußte sich nicht zu erklären, wie sie selbst zu den Papieren gekommen seinvnnle. Sonderbarerweise fand man in einem schon 1834 gedruckten Buche von^ürrans: „kouis ?llilipp et 1a oontro-Involution", eine Stelle, die fast wörtlich'0 lautete wie der Brief: nur hatte Sarrans die Worte als mündliche Mittheilung^ den englischen Gesandten angeführt.
r. . ..^in zweiter Hauptgrund des Sturzes Ludwig Philipp's lag in der Unzufrieden-st über die Verwaltung. Frankreich hatte 1830 ein Budget von 1,095,142115 Francs;MO betrug es 1,363,711102; 1847 1,664,372390. Während der 17 Jahre der^uliregierung war die jährliche Nentenschuld um 19,015243 Francs, und die flie-Leride um 500 Millionen gewachsen. Und dabei waren die Steuern in Frankreich