Das Königreich Sachsen. 577
Dahin gehörte namentlich die mehr als in irgend einem andern deutschen Staateausgedehnte Öffentlichkeit der ständischen Verhandlungen, eine reiche Quelle politi-scher Belehrungen für das Volß, desgleichen die Öffentlichkeit der Versammlungender Gemeindevertreter in allen größer« und selbst vielen kleinen Städten. Nebendiesen unmittelbaren politischen Anregungen aber wirkten mittelbar auch die Fort-schritte der Industrie und des Handels auf die Mündigmachung des Volksgeistes ein.Seit dem Anschluß an den preußischen Zollverein hatten Gewerbe und Handel inSachsen einen neuen und ungewöhnlichen Aufschwung erlangt. Das dadurch gestei-gerte Wohlleben, die verbreitete Intelligenz, der vielfältige Verkehr mit Fremden da-heim und im Auslande, Alles dies wirkte bildend, belebend, erregend auf den Geistund die Phantasie des Volks zurück. Die Gewöhnung, durch freies Zusammenwirkender Privatkräfte wichtige Unternehmungen zustandezubringen, und die großartigenErfolge, welche dieser Trieb der Association, namentlich auf dem Gebiete des Eisen-bahnwesens, in Sachsen zuerst errungen hatte, verbreitete in weiten Kreisen den Geistder Selbständigkeit, das stolze Gefühl eigener Zulänglichkcit und Tüchtigkeit, dieseswirksamste Gegengewicht gegen bureaukratische Bevormundung und Vielregiererei.Leipzig, der Hauptsitz des deutschen Buchhandels, war seit dem Jahre 1840 auchder Mittelpunkt einer literarischen Bewegung geworden, welche zwar vornämüch vonPreußischen Schriftstellern ausging und sich auf eine Reform preußischer Zuständerichtete, deren Rückwirkung aber auf Leipzig selbst und Sachsen nicht ausblieb.Überhaupt war der Einfluß, den das in Preußen seit 1840 neuerwachte Leben aufSachsen äußerte, kein geringer. Bis dahin hatte der constitutionelle Sachse miteinem gewissen Stolze auf den absolut regierten Nachbar herabgesehen. Jetzt, da es sichin Preußen zu regen begann, lernte man einsehen, daß, trotz der mangelhaften Regie-rungsform, dennoch in der vorgeschrittenen Wissenschaft und der allgemein verbrei-teten Intelligenz der Bevölkerung, in den Erinnerungen an eine große Vergangen-heit, ja selbst schon in der materiellen Größe des Staats und seiner dadurch begrün-deten Bedeutung als europäische Großmacht Momente des politischen Aufschwungsfür die preußische Nation verborgen lägen, mittels welcher dieselbe bald alle benach-barten Stämme zu überflügeln im Stande sein würde. Man sah dort die Perspectiveeines Verfassungslebens eröffnet, welches, einmal erschlossen, nicht Preußen allein,nein das gesammte Deutschland aus einen neuen Höhepunkt politischer und nationalerErhebung stellen müßte; man begann etwas zu ahnen von der Möglichkeit einerEinigung aller deutschen Staaten in den Formen constitutioneller Freiheit, und lernteden Blick über die engen schranken der grünweißen Grenzpfähle hinaus auf jeneserhabene Ziel deutschen Nationallebens richten.
Mit dem neuen Geiste, der hierdurch auch im sächsischen Volke erwachte, ver-mochte das bisherige System der Regierung nicht ferner Schritt zu halten. DiesesSystem hatte seinen Kreis durchlaufen und seine Aufgabe — eine für ihre Zeit höchstwohlthätige und nothwendige — gelöst in der mit großer Umsicht durchgeführten Be-freiung des Bodens von den drückendsten Lasten, m der Herstellung möglichster Gleichheit^er Besteuerung, in der Anbahnung von allerlei nützlichen materiellen Verbesserungen,^er Fortschritt der politischen Ideen und Bedürfnisse des Volks rief dasselbe jetzt inneues Stadium der Entwickelung, zur Ausbildung der tiefern Konsequenzen des.vustitutionalismus. Die Regierung, getreu dem allgemein von den deutschen Ne-hrungen angenommenen, vorn Bundestage ausdrücklich vorgeschriebenen Systeme,onnte dieser Strömung des Volksgeistes nur einen entschiedenen Widerstand ent-gegensetzen. Der Name Lindenau, der als das Symbol jener patriarchalischen Po-h? gegolten hatte, sollte jedoch diesem neuen System nicht aufgeprägt sein. Unver-hgend, dem im Volke erwachten neuen Geiste sein Recht zu verschaffen, ja auchhr von sich aus ihm solches im vollen Umfange zu gewäbren, ebenso wenig aber^ueigt zu einer Politik des bloßen Widerstandes, trat Lindenau unmittelbar nachem Landtage von 1842 — 45 von der Leitung des Ministeriums zurück. DerDie Gegenwart. V. 37