584
Das Königreich Sachsen.
pfung des Tumults einen überlegten Plan zu erblicken, die Absicht, durch sofortigegewaltsame und blutige Niederschlagung des Aufruhrs die Macht der Regierung rechtaugenfällig zu zeigen und dem Volke ein für allemal die Lust zum Widerstände zubenehmen. Lange schon habe man auf eine solche Gelegenheit gewartet, um die imJahre 1830 bewiesene Nachgiebigkeit wieder quitt zu machen und dem Militair, wel-ches damals zum Widerstandlosen Rückzüge verdammt gewesen sei, eine eclatante Ge-nugthuung zu verschaffen. Man wollte von Verabredungen, von Vorbereitungenwissen, welche scholl am Nachmittage des 12. Aug. im Schlosse, dem Sammelpunktedes Militairs, stattgefunden hätten, um bei vorkommender Gelegenheit am Abend so-gleich ein Militaircommando zum Einschreiten fertig zu haben. Der Name des Prin-zen ward mit diesen Verabredungen, diesen Anordnungen und dem Befehl zum Ge-brauch der Schußwaffe in eine Verbindung gebracht, welche die schon zuvor gegenihn herrschende Misstimmung auf den höchsten Grad der Erbitterung steigerte. Ver-gebens suchten Andere aus Gründen des militairischen Reglements zu beweisen, daßNiemand außer dem Commandanten der leipziger Garnison die betreffenden Anord-nungen erlassen haben könne, daß nur er dafür verantwortlich sei: man glaubte nicht,was man nicht glauben wollte. Diejenigen aber, welche an jenem Abend in der un-mittelbarsten Umgebung des Prinzen gewesen waren und also aus eigenem bessernWissen unbegründeten Beschuldigungen entgegentreten konnten, später auch öffentlichentgegentraten, wagten es nicht, dem ersten Sturme der erbitterten Volksstimmungdie Stirn zu bieten, und ließen schweigend geschehen, daß dieselbe sich immer mehrgegen den Prinzen erhitzte. Die Behörden selbst schienen über das Vorgefallenebetroffen und unschlüssig, wie sie dem immer mehr anschwellenden Sturme steuernsollten. Der Militaircommandant ließ sich vorn Stadtrathe, auf das Andringenvieler Bürger, bestimmen, das Militair im Schlosse zu „consigniren, die Bewachungder Stadt der Communalgarde anzuvertrauen. Im Übrigen beschränkte sich ^Stadtrath auf die Erlassung einer im alten Curialstile abgefaßten Ansprache, wonner die Bürger und Einwohner der Stadt zur Ruhe ermähnte. Diese Ansprache,statt die Gemüther zu beruhigen, entflammte sie nur noch mehr.
Inzwischen fand, durch Anschläge an den Straßenecken zusammengerufen, imSchützenhause eine Versammlung von Studenten und Bürgern statt. Die heftigstenReden und die wildesten Rathschläge drängten sich hier im wirren Durcheinander,bis Robert Blum die Tribune besteigt und, indem er den verworrenen und sich kreu-zenden Vorschlägen bestimmte Form und ein festes Ziel gibt, die Versammlung zu-gleich besänftigt und von Worten zu Thaten hinüberleitet. Unter seiner Anführungbewegt sich diese ganze Menge, mehre Tausende stark, im langsamen, feierlichen Zugeaus den Markt vor das Nathhaus. Hier redet Blum noch einmal von einem Later-nenpfahl herab die versammelten Tausende an; sodann begibt er sich mit wenigenBegleitern aufs Rathhaus, während die Menge stillschweigend und ruhig zurückbleibt.Hier im Nathhaussaal dictirt Blum dem nur schwach besetzten Nathscollegium dieBeschlüsse, welche das Volk von ihm erwarte und fodere, und erhält alsbald dieVollmacht, diese gefaßten Beschlüsse sogleich selbst dem unten harrenden Volke vornBalcon des Rathhauses herab zu verkündigen. Die Beschlüsse enthielten: die Zu-sage einer Verwendung des Raths für Entfernung des Militairs aus der Stadt undfür Einleitung einer strengen Untersuchung gegen die Urheber des Schießens, fernerdie Gestattung einer feierlichen Beerdigung der Getödteten.
Zum ersten mal trat hier jener merkwürdige Mann öffentlich auf die polit^Schaubühne, welcher von dieser Zeit an eine so bedeutungsvolle Rolle in der ^schichte Sachsens und Deutschlands spielen und zuletzt so tragisch enden sollte. ^niedrigen Verhältnissen geboren und erzogen, kannte Blum, sozusagen, vom Ha"'aus, was andere Parteiführer aus den gebildeter» Ständen erst mühsam erlerne»müssen, die Bedürfnisse, die Gewohnheiten, die Sympathien und Antipathien souudie Sprache des Volks, d. h. der Massen. Durch eifriges Selbststudium hat^ ^sich dasjenige Wissen angeeignet, dessen ein Redner, der auch aus die gebilde