Das Königreich Sachsen. 585
Classen Eindruck machen will, nicht entbehren kann; allein, da sein Hauptaugenmerkimmer die Wirkung aufs eigentliche Volk blieb, so nahm er nichts in sich auf, wasnicht diesem Zwecke diente, was ihm hinderlich sein konnte, und jene doctrinaireSchwülstigst, in welche Autodidakten so leicht verfallen, blieb, Dank seiner gesundenNatur, ihm völlig fremd. Schon seit längerer Zeit,,hatte sich Blum als politischerSchriftsteller in der Tagespresse versucht; seit der Übersiedelung der „Vaterlands-blätter" von Dresden nach Leipzig im Jahre 1842 war er deren Seele geworden.Als öffentlicher Redner trat er regelmäßig bei der jährlichen Versammlung auf, welcheder Schillerverein zum Andenken des großen Dichters veranstaltete, und wußte die-sen Versammlungen durch eine künstliche Mischung des politischen mit dem poetischenElemente einen immer frischen Reiz und eine nicht unwichtige Einwirkung auf dieweitem Kreise, insbesondere des niedern Bürgersiandes, zu verleihen. Die deutsch-katholische Bewegung bot ihm ein neues günstiges Terrain zur Entfaltung seineragitatorischen Thätigkeit dar. Blum war Katholik; und, wie wenig er auch bishervon dieser seiner konfessionellen Stellung Gebrauch gemacht hatte, so gab ihm die-selbe doch jetzt ein willkommenes Mittel an die Hand, um unter dem Anschein eineswirklichen religiösen Bedürfnisses, eines innern Dranges nach Freiheit von den ihndrückenden Fesseln seiner Kirche, sich der neuen Bewegung anzuschließen und derenLeitung in die Hand zu nehmen. Daß es ihm dabei ungleich weniger um religiöseZwecke, als um ein Mittel politischer Agitation zu thun gewesen, hat er späterselbst ganz unverhohlen bekannt. Nachdem Blum somit bereits vielfach sich alsRedner und Parteiführer thätig bewiesen und seine Macht über die Gemüther desVolks erprobt hatte, fand er in den Vorgängen des 12. Aug. und der nachfolgen-den Tage einen writern und fruchtbarern Wirkungskreis für seine außerordentlichenTalente als Volksredner und Agitator. Von jenem Nachmittage des 13. Aug. an,wo er dem Städtrathe, wie er sich gegen die von ihm geführte Menge ausdrückte,„die Majestät des Volks zeigte", beherrschte Blum mehr als eine Woche lang durchdie Verhandlungen im Schützenhause die Stadt Leipzig und die Behörden.
Erst nach geraumer Zeit, als man sich endlich in Dresden von dem Schreckenüber drn allzu leichten und blutigen Sieg erholt hatte, als man sah, daß die durchdenselben hervorgebrachte Aufregung keine bestimmtere Form oder Richtung annahm,sondern in einigen emphatischen Reden bei jenen Schützenhausversammlungen undeinigen unschädlichen Demonstrationen bei der Leichenfeier der Gebliebenen verpuffte,trat man plötzlich gar zornig und herrisch auf. Die MilitairbesaHung ward verstärkt,Kanonen wurden im Schloßhof aufgepflanzt, und mitten unter diesem kriegerischenApparate hielt der Geheimrath von Langen« als außerordentlicher königlicher Com-wiffar seinen Einzug in die Stadt, eröffnete der versammelten Gemeindevertretungdie sehr gestreng lautende Antwort des Königs auf ihre Adressen, erklärte, daß dieLegierung die von ihren Organen ergriffenen Maßregeln vertreten werde, und ver-kündigte die Einleitung einer strengen Untersuchung wegen des begangenen Frevels.Diese begann denn auch sofort, und mehre bei den Vorgängen des 12. Aug. bethei-ügte Personen verfielen harten Strafen, welche die königliche Gnade nur um ein, Geringes milderte. Gleichzeitig erschien allerdings in Leipzig auch eine Commission^ ^ Erörterung des Verfahrens der Civil- und Militärbehörden am 12. Aug. Eine
^enge von Zeugen, vom Militair und vom Civil, wurden abgehört. Das Resultat^ gesammten Erörterung ward jedoch nur auszugsweise vom Ministerium veröffent-! ^cht, das Verfahren der Militärbehörde als gerechtfertigt anerkannt und nur gegenCivilbehörde wegen des zu späten Einschreitens gegen den Tumult eine Discipli-*wruntersuchung vorbehalten.
Inzwischen waren die Schützenhausversammlungen geschloffen und durch eine"gemeine Verordnung vom 26. Aug., unter Wiederauffrischung des bekannten Bun-kstagsbeschlusses von 1832, alle Volksversammlungen im Lande verboten worden,er Presse ward fast jede Besprechung der Augustereignisse versagt; sogar die Zei-"gen anderer deutscher Staaten, in welche sich die im Lande unterdrückte öffentliche