Das Königreich Sachsen. 591
von Thielau persönlich eine Deputation von Ritterschaft und Bauern der Oberlausitznach Dresden geführt, um dem Könige und den Ministern ihren Dank für die vonLetztem befolgte Politik auszusprechen. Die Städte der Provinz waren dieser De-monstration ferngeblieben.
Das Verfahren eines Theils der Opposition in der zweiten Kammer war nichtohne Schuld an dem Umschlag, der sich in der öffentlichen Meinung vorbereitete.Die Führer der „entschiedenen Opposition", feurige Köpfe, theils für ihre Ideen fa-natisch eingenommen, theils wol auch von persönlicher Eitelkeit gestachelt, hatten inihren Antragen und Reden mehrfach jenes Maß der Zurückhaltung und Klugheitaus den Augen gesetzt, durch dessen strenge, ja ängstliche Einhaltung die ältereOpposition verhältnißmäßig günstige Erfolge unter den ungünstigsten Umständen er-langt hatte. Durch persönliche Angriffe hatte sie nicht blos die Minister, sondernauch die Führer der Gegenpartei in den Kammern, besonders Herrn von Thielau,aufs äußerste gereizt; durch die Rücksichtlosigkeit ihres Auftretens, mehr noch demTone als der Sache nach, hatte sie die sächsische Bedächtigkeit und Höflichkeit er-schreckt und zurückgestoßen, und, indem sie nicht selten Anschuldigungen erhob, diesie nicht ausreichend zu begründen vermochte, hatte sie sich dem Verdachte derÜbertreibung blosgestellt. Vergebens mahnten die Ältern, besonders Todt, zur Be-sonnenheit, zur Mäßigung in der Polemik; die Jüngern sahen in dieser Zurückhaltungnur einen Mangel an Entschiedenheit, den sie den Ältern vorwarfen, und sie hattendabei einen Theil der Parteipresse auf ihrer Seite. Einen andern Fehler begingendie Mitglieder der Opposition, indem sie sich zum Gegenstände von Ovationen anverschiedenen Orten des Landes machen ließen, bei denen sie als die allein „Gesin-nungstüchtigen" gefeiert, ihre Collegen einer mehr oder weniger feindseligen Kritikunterworfen wurden. Der scharfe Parteigegensatz, der dadurch hervorgerufen ward,a'ußerke seine natürlichen Rückwirkungen in der Kammer, und in dem Maße, wiejene Ovationen den Charakter eines gewissen Coteriewesens, einer exclusiven Ver-herrlichung, nicht sowol allgemeiner Grundsätze, als einzelner Persönlichkeiten an-nahmen, zog sich der gemäßigtere Theil der liberalen Partei mehr und mehr zurück.Die erste Wirkung der veränderten Parteistellung in der zweiten Kammer zeigte sichbei den Verhandlungen über die leipziger Ereignisse. Die Deputation, welche darüberberichten sollte, hatte diese Berichterstattung mehr als ein halbes Jahr lang verzögert.
gelangte die Sache erst kurz vor dem Schlüsse des Landtags zur Berathung,^ur eine Minderheit der Deputation rieth der Kammer, auf Einleitung einer crimi-Ualrechtlichen Untersuchung wegen der durch das Schießen herbeigeführten Tödtungen^ bestehen; die Mehrheit fand das Verfahren des Militairs durch die angestelltenErörterungen gerechtfertigt und beantragte deshalb die Abweisung der leipziger Bc-Awerdeführer. Die Debatte war lang und heftig. Als man endlich am zweiten^age, eine Stunde nach Mitternacht, zur Abstimmung verschritt, ergab sich das merk-würdige Resultat, daß ebenso viele Stimmen für als gegen den Äntrag der Mehr-et sich erklärten. Die Abstimmung mußte daher, der Landtagsordnung gemäß, inEwer folgenden Sitzung wiederholt werden. Inzwischen war ein Mitglied der libe-*alen Partei vom Urlaub zurückgekehrt, und so geschah es, daß in zweiter Abstim-wung das Gutachten der Mehrheit mit 37 gegen 36 Stimmen abgelehnt wurde,arauf aber auch das der Minderheit mit 41 gegen 32 Stimmen. Die Kammerversprach sich demnach gewissermaßen selbst, indem sie das Vorhandensein eines^(gerechtfertigten Verfahrens seitens des MilitairS anerkannte, gleichwol aber diewleitung einer Untersuchung verwarf.
H So täuschte selbst die zweite Kammer die Erwartungen des Landes in einers Gelegenheit, welche nicht blos für die liberale Partei, sondern, man kann dies wolgen, für die große Mehrheit aller Unabhängigen im Volke eine wahre Herzens-dü^legenheit war, weil es sich dabei um die Befriedigung des tiefempfundenen Be-esnisses nach Gerechtigkeit, um die Beseitigung der Besorgniß handelte, daß Ge-