646 ' Die Engländer und Russen in Persien und Mittelasien.
des Landes Verhältnisse zu erkunden." Das russische Cabinet fügt dann die ausdrück-liche Versicherung hinzu, daß bei der Sendung des Agenten nach Kabal weder poli-tische Zwecke noch ein feindlicher Gedanke gegen Großbritannien obwaltete.
„Wenn von den beiden Machten", heißt es dann weiter in der Denkschrift, „eineGrund hat sich zu beschweren, so ist dies sicherlich Rußland. Man kennt die un-ermüdliche Thätigkeit der reisenden Engländer, welche darauf ausgehen, unter denVölkerschaften Mittelasiens Unruhen zu verbreiten und selbst diejenigen Länder aufzu-regen, welche unsere Grenzen berühren. Während wir nichts Anderes erstreben, alsan dein Gewinn des asiatischen Handels Antheil zu erhalten, sucht die ausschließendeund eifersüchtige Gewerbtha'tigkeit Englands jeden Nebenbuhler zu entfernen. Bur-nes' Bemerkungen und das Getriebe derjenigen Englänger, welche auf der Straßevon Bochara bis zu den Thoren Orenburgs seinen Wegen folgen, geben hiervon eingenügendes Zeugniß."
Großbritannien und Rußland sollte aber dasselbe Interesse am Herzen liegen;sie sollten Beide sich bestreben, die Ruhe in Mittelasien zu erhalten und zu vermei-den, daß hier nicht ein allgemeiner Aufstand sich erhebe. Um dieses große Unglückzu verhüten, sei es unumgänglich nothwendig, Alles aufzubieten, daß in den Ländern,welche die Besitzungen Großbritanniens von denen Rußlands scheiden, die bestehendeOrdnung erhalten werde. Beide Staaten haben ein gleiches Interesse, die Unab-hängigkeit dieser Zwischenla'nder zu wahren, damit unter ihnen selbst kein Zwist entste-hen möge. Sich nicht in Mittelasien zu berühren und zu reiben, sei die unumgäng-liche Bedingung einer dauernden Freundschaft zwischen Großbritannien und Rußland.
Diese Erklärungen Rußlands wurden von der englischen Regierung der Haupt-sache nach genügend befunden. Würde Rußland ferner nach diesen klar ausgesproche-nen Staatsmaximen verfahren, so ungefähr lautete die Antwort, würde der Zar stiueAgenten im Osten anweisen, ihre Jnflructionen genau zu befolgen, dann wird wolin diesem Theile der Erde nichts vorfallen, was das gute Einversta'ndniß zwischenden beiden Staaten trüben könnte. Die britische Regierung-- höre übrigens mit Ver-gnügen, daß man in Petersburg keine feindlichen Anschläge gegen die englischen Be-sitzungen in Asien hege. Sie wolle sich deshalb vorderhand aller wettern Widerredegegen mehre Stellen in der Depesche enthalten; doch möge dies nicht so gedeutet wer-den, als ob Großbritannien die Wahrheit der Thatsachen, die Ansichten und End-zwecke anerkenne, mit welchen es sich nicht ausdrücklich einverstanden erklärt. Ruß*land, dessen Augenmerk vorzüglich auf die Länder der Pforte gerichtet ist, schien frohzu sein, die Verhandlungen über Vorfälle und Verhältnisse geschlossen zu sehen, i"welchen sein Benehmen in einem so höchst zweideutigen Lichte erscheint; man hi^wol auch die Zustände noch nicht reif genug, um in Persien und Mittelasien r"ck-sichtlos eingreifen zu können. Der Zar suchte deshalb aus alle Weise das englischeVolk zu beruhigen, und gestattete selbst die Bekanntmachung der russischen Staats-schriften in den Papieren, welche dem Parlamente über Afghanistan vorgelegt wurden-
Der Kaiser verweigerte jetzt die Garantie des Vertrags zwischen den Sirdars vorKandahar und dem Schah, welche Graf Simonitsch über sich genommen hatte,Witkowitsch wurde aus Afghanistan zurückgerufen und General Duhamel, „dessengung und Charakter so bekannt seien, daß seine Ernennung allein eine hinlängliche Durg*schaft ist für die Verhaltungsnormen, die ihm gegeben wurden", ging an die StelleGrafen als russischer Gesandter nach Teheran. Der neue Gesandte erhielt den ^trag, dem Schah wie den Afghanen zu erklären, der Kaiser habe den Vertrag, osein Vorfahr abgeschlossen, deshalb nicht genehmigt, weit Rußland blos einendelsverkehr mit Afghanistan unterhalten und allen politischen Verbindungen mitsem Lande fern bleiben wolle. Rußland werde in keinem Falle an den innern Zw^keiten der afghanischen Stämme noch an ihren Familienstreitigkeiten einen An^nehmen; sie hatten auch kein Recht seine Vermittelung nachzusuchen. Dem ^von Persien wird dann der Rath ertheilt, sich allen Federungen Englands zu uwerfen, indem man gefunden habe, daß da- Unrecht auf Seiten Persiens ser