Die Märzkatastrophe in Ostreich. 719
(darunter dLr bureaukratische Stellvertreter des Bürgermeisters im Amte und im Kom-mando) durch Schlagen der Neveille einen wirksamern Weg zu betreten; sie wende-ten vielmehr alle Mittel der Beschwichtigung und Einschüchterung an, um die Bie-dermänner zu hindern, die, den nachmaligen Reichstagsabgeordneten Scherzer an derSpitze, aus eigene Faust entschiedene Maßregeln ergreifen wollten. Endlich drangendiese durch. Vier Offiziere begaben sich, jeder einen Tambour im Wagen, in dieverschiedenen Vorstädte, um von Gasse zu Gaffe Neveille schlagen zu lassen. Sechsandere vereinigten sich, da die Stabsoffiziere es ablehnten, unter Anführung Scher-zer's zu einer Deputation in die Hofburg, wo sie etwa um 5 Uhr anlangten.
Von hieraus laufen die Schicksale der beiden Gesandtschaften fast gleichzeitignebeneinander fort, sodaß wir sie unter Einem zusammenfassen können. Die Depu-tation der Universität begab sich zu dem noch immer am meisten Vertrauen genießen-den Kolowrat, um durch dessen Vermittelung unmittelbar beim Kaiser Audienz zu er-halten. Das, sagte man ihnen, und es mochte wirklich so sein, sei unmöglich wegender Kränklichkeit des Kaisers. Ihre Vorstellungen über die Größe der Gefahr, überden Entschluß der Studenten und das gegebene Wort bewirkten endlich, daß mansie zum Erzherzog Franz Karl führte. Derselbe versicherte als ehrlicher Mann, daßwirklich Concessionen im Werke seien. Aus die Bewaffnung der Studenten könneer in seiner Stellung nicht eingehen. Endlich in das von Zutritt Suchenden allerArt gefüllte Vorzimmer Erzherzog Ludwig's gelangt, versuchten sie bei diesem ihrGlück. Dieselbe Antwort. Man war, so hieß es, so weit gekommen, an Concessio-nen zu denken, und wollte sie eben in Berathung ziehen. Dabei behielt man sichvor, die Bewaffnung der Studenten in — Erwägung zu bringen. Es schien einSieg des Erzherzogs über seine Natur, daß er auf die Bitte der Deputirten, sie nichtganz Hoffnunglos zu der unter den äußersten Entschlüssen harrenden Jugend zurück-zusenden, den Auftrag ertheilte, ihnen eine schriftliche Bestätigung über die empfan-genen, übrigens vagen Verheißungen mitzugeben. Erschöpft, am Erfolge verzweifelndund voll der schwärzesten Ahnungen, entschlossen sich die Deputirten zum Rückweg,umsomehr, als sie jetzt erfuhren, daß eine zweite Deputation von der Universität an-gekommen sei.
Die Bürgerdeputation ihrerseits hatte indessen mannichfachere Schicksale. Voneinen: kaiserlichen Adjutanten in Empfang genommen,' wurde sie auf ihr dringendesVerlangen um Einlaß beim Kaiser stehenbleiben geheißen. Zwei Staatsräthe, Pil-gram und Hartig, erschienen darauf, um sie über den Gegenstand ihres Gesuchs zufragen. Als sie in kurzen, schlichten Worten erklärten, man bitte um die Geneh-migung der bei den Landständen eingereichten Petitionspunkte, erwiderten ihnen dieseHerren: Der Kaiser werde sich Nichts abzwingen lassen, und sie seien im Irrthume,wenn sie glaubten, dem Kaiser ein Loos wie das Ludwig Philipp's drohen oder ihmeine Constitution dictiren zu können, wie sie der bairische Ludwig in drei Stundengegeben. Statt jeder Discussion erneuerten die Offiziere nur dringender ihr Ver-engen, vor den Kaiser selbst zu kommen, und wichen nur widerwillig den fast bitten-den Zureden, sich an seinen Stellvertreter, den Erzherzog Ludwig zu wenden. Siefanden daß Vorzimmer des Erzherzogs von Staatsbeamten, Militairs und Mitglie-dern der Stände gefüllt, welche die von allen Seiten sich häufenden bedenklichen^achrichten herbeigeführt hatten, und stellten ihm die traurige Lage der Stadt undGefahr vor, die in der Nacht zu erwarten stände, wenn dem Volke nicht einigeKoncessionen gemacht würden. Die auf einem andern Zugang ankommende Uni-^rsitätsdeputation hatte damals, wie es scheint, noch nicht die Gefahr gezeigt,w von einer Alles wagenden Jugend drohte. Der Erzherzog entließ die Bürger-sEPutation kalt und barsch, mit dem einzigen Bedeuten, an den Bürgern sei es,^ die Ordnung zu sorgen; von Concessionen ans Volk könne nicht die Rede sein.
solche Antwort schien weiteres Warten überflüssig zu machen, und ScherzerMug vor wegzugehen, als ihn plötzlich Jemand beim Arme nahm. Es war* Erzherzog Johann. Mit dem kurzen Zuspruch: „Ich weiß, was fehlt, lieber